Kunst und Kultur
Und wieder einmal jährt sich (am 30. April) die
Salzburger Bücherverbrennung. Nachdem wir dieses uns immer wieder sprachlosmachende Thema von verschiedenen Seiten her angeleuchtet haben, wollen wir heute einmal
in die Gegenwart schwenken. Denn auch in unserer Zeit tobt ein
unerbittlicher Kulturkampf ums
Zugänglichmachen oder
Verschwindenlassen von
geistigen Inhalten, wie sie eben
in Büchern (und anderen Medien)
aufbewahrt sind. So erleben wir etwa in den USA ein zunehmend
fanatisiertes Aussortieren von für manche Kreise
“unerwünschten” Themen aus vornehmlich
Schul-Bibliotheken. Im Video
“The Unburnable Book” mit
Margaret Atwood werdem
derlei Praktiken sowie
mögliche Gegenmaßnahmen erörtert.
Genau,
unzerstörbar muss es sein …
Und unzerstörbar ist es auch –
das Überleben. Wenn wir bedenken, wie
Trauma entsteht und wie sich unser
“Feststecken” in den
natürlichen Reaktionen darauf (Flucht, Kampf, Totstellen)
wieder auflösen ließe, dann geraten wir
unweigerlich in einen Bereich unseres Daseins, der weder durch
analytisches Denken noch
durch Sprache,
wie wir sie kennen, aufgedeckt werden kann. Manche nennen
diese Dimension und
das,
was sich in ihr abspielt, die
“Weisheit des Überlebens”, die
im Gedächtnis unserer Körper abgespeichert ist und mit der es
nunmehr wieder in Verbindung zu kommen gilt. Da dies
offenbar nicht auf dem Weg
bewusster Einflussnahme möglich ist, bieten sich
sinnliche Erfahrungen und emotionale Reaktionen aus den
evolutionsgeschichtlich uralten Untiefen unseres limbischen Systems als
ein weit offener wie zugleich verborgener Zugang zu uns selbst an.
Peter Levine beschreibt die Grundlagen dafür als
“Sprache ohne Worte”.
Was verbindet nun
die “Leerstellen” in den
Bücherregalen mit
den “Leerstellen” in unserer
Persönlichkeitsentwicklung – und in unseren
Familiengeschichte(n)? Was kann uns
“ein roter Faden” durch diese Sendung sein, die
den Versuch unternimmt,
die retrospektive Musealisierung der Vergangenheit (Gedenkkultur) zu verlassen und
eine spürbare Verbindung mit den heute lebenden Kindern und Enkeln der Zeitzeugengeneration herzustellen?
Das Überleben? Das ist seinem Wesen nach unzerstörbar – andernfalls gäbe es ja auch keine
Nachkommen von Überlebenden.
In unserem
Radiodenkmal der Geschichte(n) wenden wir uns
Erfahrungsberichten und
textlichen Experimenten der nächsten und übernächsten Generation zu. Anders gesagt
jener Generation,
die das Überleben ihrer Eltern und Großeltern (sowie die damit einhergehenden Traumatisierungen)
überlebt haben. Hören wir Ausschnitte aus
“Das Schweigen meines Vaters – 104517” von Misha G. Schoeneberg aus Berlin, das schon bald erscheinen wird. Und begleiten wir
Christopher Schmall auf der Suche nach
dem, was in seiner (und wohl in unser aller) Vorgeschichte
“verschwunden” ist.
Kann man “das Unsagbare” überhaupt sagen? Und wenn ja – wie?
PS.
Materialien zur Salzburger Bücherverbrennung vom Friedensbüro Salzburg.