Mo 12. Mär 2018

Hierarchie der Opfer?

Andreas Wahl

Es ist immer das selbe: Kaum schaut man einmal nicht hin, rührt die Bundesregierung schon wieder einen festen Topfen zusammen. In Gedenken an den „Anschluss“ 1938 will die Bundesregierung die Errichtung eines Mahnmals mit den Namen der 66.000 ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden beschließen. Die Opfer, so meldet der ORF, will man deshalb bei ihren Namen nennen, weil man jede*n Einzelne*n aus der anonymen Masse herausheben möchte und die Toten nicht ihrer Identität berauben.

Die Bundesregierung hat hier sicherlich die besten Absicht und ich wäre auch versucht den Hut vor diesem Beschluss zu ziehen, wenn wir uns noch in den 1980er-Jahren befänden. Seither ist nämlich einige Zeit ins Land gezogen, Zeit die auch dazu benutzt wurde um weiter Forschungen zu betreiben und viele Diskussionen zu führen. Und so kamen „weitere Opfergruppen“ in den Fokus der Aufmerksamkeit. (Erst!) 1998 wurde, als eine Auswirkung dieser Diskussionen, im KZ-Mauthausen eine Denkmal für die aus rassischen Gründen verfolgten Sinti und Roma errichtet. Aber auch Homosexuelle, Zeugen Jehovas, „Politische“, sog. Asoziale und viele Andere wurden als (weitere) Opfer erkannt. Jetzt für nur eine Opfergruppe ein Denkmal zu errichten – noch dazu mit dem Hinweis, dass man damit jede*n Einzelne*n seiner/ihrer Individualität würdigen will – zeugt, gelinde gesagt, von hochgradiger Uninformiertheit. Wahrscheinlich aber von abgestumpfter Wurschtigkeit! Man kann doch nicht – nur weil man in der Regierung sitzt – einfach das Hirn ausschalten. Wie soll man das nennen? Erworbene Unmündigkeit?

So auf jeden Fall verkehrt man die besten Absichten – die ich weiter unterstellen möchte – in ihr Gegenteil. Einfach aus Denkfaulheit.

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  • Maria roegner
    13. März 2018 / 19:34

    Diese Hinweise finde ich sehr wichtig. Man hat wirklich den Eindruck, dass die Politik sich wenig mit der Thematik Opfer auseinander gesetzt hat.