Sa 24. Okt 2020

Medien zwischen Wandel, Krise und Chancen

Sigrid Ecker

Vorweg- den Medienwandel hat es immer gegeben. Nehmen wir als Beispiel die Einführung des Buchdrucks, des Radios oder Fernsehens. Auch damals hat die ältere Generation wahrscheinlich zuerst gezögert, die mittlere war teilweise an Bord und die Jungen, die damit aufwuchsen, für die war es normal, die waren into it.

Natürlich ist viel passiert seither und das immer schneller! 

Der technologische Schritt zu einer online global vernetzten Welt war natürlich ein riesiger. Die Erfindung der Sozialen Medien, den es erst zu verarbeiten und dessen Schattenseiten zu bewältigen gilt- ein gewaltiger. Im Printbereich wie im Rundfunk ist seit längerem eine wachsende Medienkonzentration im Gange. Große Medienkonzerne werden immer dominanter. Parallel dazu verschieben sich die Werbeausgaben von der Presse ins Internet, die Zeitungsnutzung ist rückläufig und auch der lineare Medienkonsum verliert immer mehr an Bedeutung.

Macht das was mit den nichtkommerziellen, den Freien Medien?

Eher nicht. Heute schauen immer mehr Menschen dann fern und hören Radio, wenn es in ihren Zeitplan passt. Sie richten sich nicht mehr nach der Vorgabe eines Senders, sondern suchen gezielt in den Archiven. Das trifft die kommerziellen, auf Werbung angewiesenen Medien hart. Nicht so die Freien, die generell werbefrei zu sein haben.

Freie Radios haben schon sehr früh mit einem Podcast-System begonnen. Seit 2000 gibt es das Cultural Broadcasting Archive (CBA)- ein Archiv, für alles Produzierte zum Nachhören. Wir profitieren eher vom Podcast-Aufwind.

Auch was die Medienkonzentration angeht spielt uns die Entwicklung in die Hände, denn dadurch schätzen die Leute noch mehr unsere Unabhängigkeit.

Immer mehr

Doch auch wir sind Kinder dieser Zeit und wollen gehört werden. Wir agieren schließlich in einer Nische. Daher müssen wir als Produzent*innen  auch  zumindest ein Stück weit dem Zeitgeist entsprechen. Das machen wir unter anderem durch die schon vor einigen Jahren begonnene Öffnung im Bereich der Crossover-Medien-Produktion (also Audio/Video/Text).

Es geht bei uns zwar nicht um die Verkleinerung der Redaktionen und um Schaffung von kostengünstigeren Nachrichtenzentralen, aber ein*e Redakteur*in des Infomagazin FROzine von Radio FRO macht heute nicht nur eine Radiosendung. Es braucht auch einen Blogeintrag (also Text und Bildsprache). Bei Talks wird aus dem Ton- auch ein Fernsehstudio. Ankündigungs-Videos mit dem Smartphone sind zu produzieren. Die Sendung soll natürlich auch auf möglichst vielen Kanälen und im Netz, den Sozialen Medien und sonst wie beworben werden. Es soll am besten mit der Crowd in Kommunikation getreten werden.

Das entspricht wohl sicher einer Verdoppelung des Arbeitsaufwands- was sich monetär natürlich nicht entsprechend ausgleichen lässt, weil die Förderungen unseres Sektors ja seit Jahren sinken, nicht steigen.

Der Neoliberalismus und die damit einhergehende Ausbeutung und Optimierung des eigenen Selbst, hat also auch bei uns Einzug gehalten. Freilich gehen wir mit einer anderen Haltung heran, als viele der Medienhäuser.

Medienkrise?

Der heutige Journalismus hat sich verändert durch das Ausrichten an höheren Gewinnen. Das bringt eine höhere Orientierung am Massenpublikum mit sich. Damit geht die verstärkte Skandalisierung und Personalisierung in der Politikberichterstattung einher. Der gestiegene Entertainment-Anspruch lässt viele eher von einer Medienkrise als vom Wandel sprechen. 

Indirekt übt das auch Druck auf die Freien Medien aus. Stichwort: Nutzungsgewohnheiten. Da wir gehört werden wollen, müssen wir uns auch teilweise am Zeitgeist orientieren. Oder die Kraft aufbringen uns zu verweigern und eigene Wege zu gehen. Die Unabhängikeit von wirtschaftlichen Zwängen ermöglicht diese eigenen Wege.

Außerdem sind Community-Medien lokal verankert. Im Konkreten, der Lokalität liegt eine Stärke. Sie sind offen: Wer sich selbst in diesem Rahmen eine Stimme geben will, bekommt die nötige Unterstützung, Aus-und Weiterbildung und Infrastruktur zur Verfügung gestellt. 

Können Community-Medien ein Prototyp einer redaktionellen Gesellschaft sein? Es können online heute ja die meisten Menschen publizieren- aber ohne redaktionelle Richtlinien erzeugt diese Freiheit leider eben auch Polarisierung, Hatespeech und Sybermobbing etc. 

Doch Freie Medien geben einen Rahmen. Es wird ein Mehrwert für die Demokratie geschaffen durch das Zusammenspiel der drei Ebenen: Produzent*in (kreative Person) – Community – und Öffentlichkeit.

Apropo Demokratie

Eine zentrale Frage lautet doch seit jeher:

Wie muss die Medienlandschaft einer Demokratie beschaffen sein, dass sie zu deren Stärkung und zu Entwicklung und Wandel einer Gesellschaft beiträgt?Dafür braucht es Medien-Vielfalt. Das bedeutet, dass es möglichst viele unterschiedliche Player in möglichst vielen verschiedenen voneinander unabhängigen ökonomischen Händen braucht: öffentlich-rechtliche, nicht-kommerzielle, privat kommerzielle.

Und das macht deutlich, wie wichtig auch kleine Fische sind, die gegen den Strom schwimmen, die abseits der medialen Showbühnen ihrer Arbeit nachgehen. Das ist vergleichbar mit der Landwirtschaft: es ist wichtig, dass es möglichst viel kleinteilige Betriebe gibt, nicht nur große Agrarkonzerne, wenn wir Unabhängigkeit und Vielfalt gewährleisten wollen.

Grundsätzlich jedenfalls stellen Medien Öffentlichkeit her und sind damit von zentraler Bedeutung in einer Demokratie. Medien sind als sogenannte vierte Gewalt zuständig für Kontrolle der Politik. Doch es kommt zunehmend zu Rollenverschiebungen. Das Demokratiezentrum Wien sagt, dass es in der heutigen Mediengesellschaft statt der früheren Trennung von Politik und Medien, immer mehr zu einer Überlagerung der beiden Systeme komme.

Diese Entwicklung wird in der Wissenschaft auch als Mediendemokratie bezeichnet, die nach Thomas Meyer die Parteiendemokratie, in der die wichtigsten Entscheidungen von Parteien getroffen wurden, abgelöst habe. Mediendemokratie zeichnet sich nach ihm durch eine „professionelle Selbstmediatisierung der Politik nach den Regeln theatraler Inszenierungslogik“ aus. Während in der Parteiendemokratie die Medien die Politik beobachten sollten, beobachten nun die politischen Akteure das Mediensystem, um von ihm zu lernen, wie sie die Kontrolle über die Aufmerksamkeit in der Gesellschaft zurückerlangen. (Zitat von der Website)

Schattenseiten der Kommerzialisierung des www

Doch heute stellen nicht nur Medien Öffentlichkeit her, sondern auch Social-Media-Anbieter. Politiker*innen berufen sich auf die sogenannte öffentliche Meinung aus Sozialen Medien und richten ihr Wirken danach aus. Unabhängig davon, ob nur einige wenige laut schreien oder ob es tatsächlich ein Diskurs der vielen ist.

Die einseitige Politisierung durch mediale Echokammern schafft Gegensätze in der Gesellschaft. Hier entgegenzuhalten ist für jede*n einzelne*n entscheidend, wie auch für alle Medien- und seien sie noch so klein, was die Reichweite betrifft.

Auch Freie Medien müssen sich immer wieder die großen Fragen stellen: Wie machen wir das bestmöglich? Bedienen wir uns beispielsweise der Sozialen Medien der großen Plattformen und den Big Playern wie Google, Youtube etc. um ihren negativen Auswirkungen gleichzeitig entgegenzuhalten- oder nicht? Welche Art von Gegenwirklichkeit können wir im Bereich Creativ Commons erzeugen?

Denn das World Wide Web hat ohne Zweifel eine Demokratisierung der Meinungsäußerung gebracht und ein Zusammenwachsen der Welt, aber es bringt auch gleichzeitig eine neue Bedrohung für Demokratie und Menschenrechte mit sich. Echokammern, Algorithmen, die Ökonomisierung von Daten, um nur einiges zu nennen, stellen uns vor große Herausforderungen.

Freie Medien sind niederschweflige Kompetenzzentren, in Ausbildung und Produktion. Darum braucht es sie noch, obwohl ohnehin jede*r im Internet publizieren kann. Und solange es keine Alternativen zu FB, Twitter, Insta und Co gibt, muss man sich dieser Plattformen bedienen, um sich der Gesellschaft näher zu bringen und an diesem Diskurs teilzuhaben. Allerdings nehmen wir das nicht auf die leichte Schulter und versuchen unseren Teil beizutragen damit rasch sinnvolle Regelungen geschaffen werden, die Demokratie und Gemeinwesen stärken.

Vielfalt und Teilhabe

Was auch viel mit Demokratie zu tun hat, ist wie gut eine Gesellschaft die ganze Bandbreite von Bürger*innen in den Medien abbildet und am öffentlichen Diskurs teilhaben lässt. 

Freie Medien, wie Radio FRO stellen jedenfalls eine Integrationsmöglichkeit und Sprachrohr für Minderheiten wie Migrant*innen dar. Einerseits bekommen sie in der Medienberichterstattung Raum, wodurch sich soziale Vorurteile und vielleicht sogar Diskriminierungen abschwächen lassen. Andererseits können Minderheiten auf einfache Art und Weise selbst zu Medienmacher*innen werden.

Konstruktiver Journalismus

Innerhalb von Radio FRO beschäftigen wir uns noch mit einem etwas anderen Wandel: Die Berichterstattung zwischen 2015 und heute über die Fluchtbewegungen durch den Krieg in Syrien machen gut deutlich, dass Medien Meinung machen, selbst wenn sie nur abbilden. Denn indem ich immer wieder über Probleme und Katastrophen berichte, verstärke ich diese- wenn vielleicht auch ungewollt.

Daher heißt für mich ein wichtiger und dringend nötiger Medienwandel, den wir im FROzine schon des Längeren anstreben: Konstruktiver Journalismus. Wir streben dabei das Abbilden von Lösungs- und Heilungsprozessen und Handlungsspielräumen an- weg vom Sensations- und Dramaturgie-Journalismus.

Abschließend sei zu sagen: Freie Medien sind wichtiger denn je! Da von undemokratischen Kräften gerade versucht wird auch diesen Begriff einzunehmen sei an dieser Stelle noch klar festgehalten: damit sind nicht-kommerziell agierende Community-Medien gemeint, die in ihrer Ausrichtung ein klares Bekenntnis zu den Menschenrechten (der Vereinten Nationen) haben.

Es braucht viel Ressourcen für Lobbying bei der Politik, damit die das auch erkennt und Förderungen bereit stellt.

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