Wir sind nicht gleich – aber manche sind gleicher!

von Rosi Kröll ///
Ein feministischer Kulturverein übt Barrierefreiheit

Der Verein FIFTITU% hat sich 2011 entschieden, im eigenen Wirkungsbereich Barrieren abzubauen. Zu diesem Zweck wurden Gleichstellungsziele definiert und an deren Umsetzung gearbeitet. Wie es ist, wenn man an der eigenen Organisation zu verwirklichen versucht, was man von der Gesellschaft fordert, berichtet Rosi Kröll in ihrem Beitrag. Ein Bericht über den kollektiven Selbstversuch von FIFTITU%.

FIFTITU% ist ein feministischer Verein.

Im Leitbild von FIFTITU% heißt es: „Die Aktivitäten von FIFTITU% im Feld des kulturellen und künstlerischen Handelns zielen darauf ab, benachteiligende Strukturen (Zusammenhänge) und Normen(Regelwerke) unserer patriarchal-weißen-hetero-normativen Gesellschaft aufzuzeigen und aufzubrechen.“ FIFTITU% wendet sich damit gegen die bevorzugte Stellung von Männern in vielen Bereichen unserer Gesellschaft, sowie gegen die Ansicht, heterosexuelles Empfinden wäre die Norm, an die sich alle Menschen möglichst anpassen sollten.

Die Normen und Strukturen sind von bestimmten Gruppen beschlossen worden und haben bewusst (z.B. Rechtsprechung) oder unbewusst (z.B. Rollenbilder) für bestimmte Gruppen Vorteile und sind dadurch auch für bestimmte Gruppen oder Individuen mit Nachteilen verbunden. Das heißt, in bestimmten Fällen bilden Normen und Gesellschaftsstrukturen Hierarchien und damit Barrieren.

FIFTITU% ist eine Anlaufstelle für Frauen in Kunst und Kultur in OÖ, die bestimmte Regeln und Zusammenhänge fördert und dadurch andere benachteiligt. FIFTITU% fördert Frauen und „benachteiligt“ damit zum Beispiel in den eigenen Projekten Männer – Männer können nicht an bestimmten Kursen teilnehmen, mit der Begründung, dass diese ohnehin von unseren Gesellschaftsstrukturen bevorzugt werden.

Die Gruppe der Frauen* ist jedoch in sich sehr unterschiedlich

2011 hat FIFTITU% sich die Frage gestellt: Für welche Frauen* ist FIFTITU% eine Anlaufstelle und welche Frauen* schließen wir aus? Im Rahmen des Projektes „Wir sind nicht gleich –
aber manche sind gleicher“ (2011) mussten wir feststellen, dass Barrierefreiheit und Gleichstellung viel mehr bedeutet, als eine Rampe für die Erreichbarkeit der Räumlichkeiten zu bauen.
So ist zum Beispiel die Toilette, trotzdem ein verschlossener Raum für RollstuhlfahrerInnen.

Bei FIFTITU% arbeiten derzeit mehrheitlich weiße, einen österreichischen Pass besitzende Frauen*, keine davon ist Rollstuhlfahrerin, eine musste um Aufenthalts- oder Arbeitsgenehmigung ansuchen, alle sprechen Deutsch, die meisten haben an einer Uni studiert, und so weiter. Das hat einen Einfluss darauf, wie FIFTITU% Projekte konzipiert. Weil wir eine bestimmte Sprache verwenden, weil wir bestimmte Bilder bei Aussendungen oder auf der Homepage benutzen und weil wir uns beispielsweise selten darüber Gedanken gemacht haben, welche Veranstaltungsorte auch mit einem Rollstuhl zugänglich sind. Oder ob die Sprache, die wir verwenden, eine verständliche ist. Oder ob die Bilder, die wir verwenden, um bestimmte Inhalte zu symbolisieren, benachteiligend oder ausschließend wirken.

Grenzen, an die wir stoßen

Da es vielfältigste Behinderungen gibt, ist Barrierefreiheit ein Zustand, dem es sich anzunähern gilt. In Kulturvereinen sind immer alle eingeladen, mitzuarbeiten. Fast alle Kulturvereine beteuern, wie offen sie sind, auch FIFTITU% (mit der Ausnahme: Männer*). Aber wer kann es sich leisten, ehrenamtlich mitzuarbeiten? Zeit zur Verfügung zu stellen, ohne dabei entlohnt zu werden? Woher kommt das tägliche Brot?

Wir denken darüber nach und laden ExpertInnen und weitere Kulturvereine ein, um einander auf die Sprünge zu helfen. Wir wollen uns, die nicht-an-Aufenthaltsgenehmigungen-und-Rollstuhltauglichkeit-denkenden-weißen Frauen* dazu zwingen, dies immer wieder zu tun. Als Annäherung an das Ideal der Barrierefreiheit beschloss FIFTITU% Gleichstellungsziele zu erarbeiten und konkretisierte sie in einem langen Prozess im Jahr 2011.

Einzelne Ergebnisse sind:
·    Bei der Projektplanung ist unbedingt darauf zu achten, dass Veranstaltungen von FIFTITU% nur mehr in Räumen stattfinden, die mit einem Rollstuhl zugänglich und rauch frei sind.

·     Bei Vorträgen bieten wir Gebärdendolmetsch an.

·   Wir haben die Statuten so geändert, dass keine Position im Vorstand länger als zwei Jahre besetzt sein soll, um interne Hierarchien zu vermeiden.

·    Für Menschen, die wenig verdienen, gibt es Aufwandsentschädigungen; FIFTITU% bemüht sich aktiv, Migrantinnen den Vereinseinstieg zu ermöglichen.

Unsere erste Grenze, an die wir gestoßen sind, war das Zeit-Geld-Problem: die Tatsache, dass z. B. interessierte Migrantinnen ohnehin auch schon bei maiz, einem autonomem Zentrum von und für Migrantinnen in Linz, oder bei Radio FRO mitarbeiten und wir auf keinen Fall wollen, dass ihr Engagement in diesen Organisationen darunter leidet. Derzeit ist eine Migrantin im Vorstand. Auch an Menschen mit Kindern hat FIFTITU% gedacht: Für Kinderbetreuung wird ein Teil der Kosten übernommen, z.B. bei Kursen, aber auch für Sitzungen und Projekttreffen.

Alles nur eine Annäherung!

Zum Thema Sprache versuchen wir es mit „leichter Sprache“, denn nicht nur Menschen mit geistiger Behinderung tun sich mit „leichter Sprache“ leichter, sondern auch Menschen, die gerade erst Deutsch lernen. Dabei stoßen wir immer wieder an unsere Grenzen. Es ist abzuwägen zwischen einer Sprache, die Genauigkeit verlangt und Bedeutungen nicht verkürzt, und einer, die von sehr vielen auch verstanden wird. Allein der erste Absatz dieses Textes hat mich Stunden gekostet. Das Ergebnis ist mittelmäßig – ein Versuch.


Auch die Bildpolitik war ein vernachlässigtes Feld. In der FIFTITU%-Infobroschüre wurde zum Beispiel eine Figur gewählt, die einem gängigen Mode-Abbild entnommen zu sein scheint: Dunkle lange Haare, weiße Hautfarbe, manikürte Fingernägel, schlank, mit deutlich erkennbarem Brustansatz. Im Grunde wollen wir keine derartigen normierten Gesellschafts-„Ideale“ fördern. Es ist aber sehr schwierig, mit Bildern eine Gruppe Frauen* anzusprechen, ohne normierend zu wirken. Wir haben uns dazu entschlossen, figurale Darstellungen nur in Notfällen zu verwenden – und wenn, dann „normabweichend“. Abschließend kann gesagt werden, dass – wenn sich ein Kulturverein für Gleichstellungsziele entscheidet – diese immer wieder zu hinterfragen, zu kritisieren und zu diskutieren sind. Mit dem Bewusstsein, dass es vielleicht nur eine Annäherung an eine gewünschte Realität ist.

 

* Aufgrund der Unbeweglichkeit unserer Sprache verwendet auch FIFTITU% in ihren Texten die Bezeichnung „Frau“ bzw. „Mann“. Wir weisen jedoch darauf hin, dass es sich dabei um ein Konstrukt handelt, das der Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Normen dient. Die verwendeten weiblichen und männlichen Bezeichnungen umfassen demnach all jene physischen Personen, die gesellschaftlich als solche kategorisiert werden bzw. sich selbst als solche definieren. http://fiftitu.at/fiftitu [30.4.2012]

 

/// Hörversion

 

Rosi Kröll ist Kunst- und Kulturarbeiterin bei den Vereinen FIFTITU% – Vernetzungsstelle für Frauen in Kunst und Kultur in OÖ und bei Radio FRO in Linz.

www.fiftitu.at  // www.leichtesprache.org

Zuletzt geändert am 20.06.12, 00:00 Uhr

Silke Müller

Verfasst von Silke Müller

Ein Duett aus Radiofeature-Produktion und Illustrationsausstellung hat mein Kommunikationsdesign und Medienstudium abgeschlossen. Seit dem beschäftige ich mich mit der großen, künstlerischen Radioform "Feature", mit Reportagen und Interviews mit KünstlerInnen und Kulturschaffenden.

Ich bin freischaftende Illustratorin für Plakate - zum Beispiel für Radio FRO - Zeitungen, Magazine, Bücher und Ausstellungen. Radiohören geht beim Zeichnen wunderbar.

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