Wo noch nicht viel ist, kann noch vieles werden.

Radio FRO, ein Handlungsreisender in Sachen Freies Radio. Von Otto Tremetzberger

10 Jahre Freie Radios sind ein Grund zu feiern und zum Nachdenken. 10 Jahre sind eine lange Zeit.
Tatsächlich sind die Radios ein wenig in die Jahre gekommen. Fehlende Ressourcen, chronischer Mangel an Anerkennung und auch der eine oder andere Richtungsstreit haben ihre Spuren hinterlassen. Viele haben die Freien Radios schon verlassen, im Streit, die meisten aber wahrscheinlich aus Erschöpfung. Die Not hat den Freien Radios geschadet, sie aber nicht umgebracht. Die Konzepte, Strukturen und Programmschemata sind heute längst konsolidiert. Andererseits: Man könnte auch „verfestigt“ dazu sagen. Bei manchen Radios geht es seinen Gang, oft mehr schlecht als recht. Die Mühen der Ebene. „Zu wenig zum Leben, zu viel zum Zusperren“ hört man da schon mal. Hohe Personalfluktuation auf der einen und so gut wie keine Fluk tuation auf der anderen Seite von ein und derselben Medaille tun ihr Übriges.

Wohin gehen die Freien Radios?

Wie viele andere Initiativen des Dritten Sektors müssen sich die Freien Radios heute einiges gefallen lassen. Sie müssen auf selbstverständlich falsche Vorwürfe („nicht mehr zeitgemäß“) und andere, möglicherweise berechtigtere und ambitionierte Fragen Antworten und Erklärungen finden. Etwa darauf ob die Programme ihr Publikum erreichen oder ob es in Zeiten von Digitalisierung, Internet und Web xy.0 überhaupt noch Freies Radio braucht… Dazu kommen noch Fragen, die sich jede Medien – und jede Kulturinitiative (als die sich die Freien Radios schließlich auch sehen) stellen muss: Wohin soll es gehen? Wo setzt man an? Worauf baut man auf? Was wirft man über Bord? Woran hält man fest? Wie geht man sie an, die Erneuerung (wenn man sie will) und was gibt’s zu tun? Aber auch: Welche Veränderungen, Anpassungen, Erweiterungen, Innovationen sind nicht nur vernünftig und wünschenswert, sondern auch möglich und leistbar?

Die Machbarkeit ist des Pudels Kern. Bei welcher heißen Kartoffel macht es Sinn, sie aus dem Feuer zu nehmen? Denn Freie Radios sind gewachsene Strukturen, durchaus schwerfällige Flaggschiffe der Freien Kultur- und Medienproduktion: Freie Programmplätze sind rar geworden, die Programmschemata und Strukturen, will man an ihnen rütteln, erscheinen bisweilen wie in Stein gemeißelt, Verbindlichkeiten, Verpflichtungen, Ansprüche und so weiter und so fort.

Mythos und Ethos

Freie Radios sind schwierige Zeitgenossen. Sie pflegen ihren Mythos, hängen und leiden gleichermaßen an ihren GründerInnen, von denen es immer mehr zu geben scheint, als es sich wahrscheinlich historisch belegen lässt (Unter den GründerInnen von Radio FRO gibt es Namen, ehrlich, dazu hat man noch nie ein Gesicht gesehen!). Die Freien Radios leiden häufig an ihren tatsächlich erlittenen Traumata und fürchten den Verrat (ganz vorne dabei: die feindliche Übernahme durch kommerzielle Splittertruppen), den manche noch wie den Teufel an die Wand malen, und es kann vorkommen, dass neue Entwicklungen sicherheitshalber zuerst einmal blockiert werden. Freie Radios pflegen auch ihr besonderes Ethos (von dem es in jedem Radio mindestens zwei völlig konträre Versionen gibt, jedenfalls aber ein journalistisches und ein politisches, selten auch ein künstlerisches und so gut wie nie ein unternehmerisches).
In solchen Strukturen, kaum überraschend, brauchen Entwicklungen ihre Zeit, gremiale Auseinandersetzungen und lange Diskussionen, von denen manche auch ins Leere führen. Und oft genug braucht es einzelne, die die Initiative ergreifen und mit dem Kopf durch die Wand gehen, und nicht selten auch dagegen. Nicht verschont geblieben von all diesen Entwicklungen ist den vergangenen 10 Jahren auch Radio FRO.

Freiräume und Impulse

Seit 10 Jahren kennt man Radio FRO als Medium, das über sich nachdenkt, sich studiert und Erwartungen und Wünsche formuliert, von denen sich manche wohl eher ans Christkind richten: Die uneingeschränkte Identifikation von Programmmachenden mit dem Sender. … Die Themenführerschaft in politischen Fragen. … ProgrammmacherInnentreffen, zu denen ALLE kommen … Mehr Mitbestimmung und so weiter und so fort. Vieles, was man alles tun müsste, sollte, wollte, könnte hat seinen Weg nicht in die Praxis sondern in Protokolle gefunden, die in Leitzordnern und auf Festplatten schlummern, bis sie jemand einmal aushebt und zu verwerten weiß.
Doch im Umgang mit der eigenen schleichenden Institutionalisierung (die vor allem das Programm betrifft, ein Stiefkind, leider muss man das in dieser Deutlichkeit sagen) hat sich bei Radio FRO schon früh die Praxis entwickelt, über Projekte abseits des Programmalltags nicht nur die eigene ökonomische Haut zu retten und mit tatsächlich realisierbaren kreativen Freiräumen objektiv prekäre Arbeitsbedingungen subjektiv erträglicher und nachhaltiger (also dauerhaft prekär) zu gestalten. Sondern, und das ist das Einzigartige und Beispielhafte an dieser Strategie, mit Projekten das Modell „Freies Radio“ und damit gewissermaßen ein wenig auch sich selbst in regelmäßigen Abständen neu zu erfinden, zumindest aber mit frischen Impulsen, Ideen und Erfahrungen zu konfrontieren. Moderner, fortschrittlicher, fokussierter, engagierter, diskursiver, wahrscheinlich sogar politischer als es in der herkömmlichen Programmpraxis der Fall ist, erscheint so Radio FRO mit seinen zahlreichen Ars Electronica-Teilnahmen oder den KUPF-Innovationstopf-Projekten. Aber nirgendwo sonst sind die Ergebnisse des Nachdenkens und der Gedankenstürme derartig manifest, bleibend und wirksam geworden wie im Fall des Freien Radio Freistadt oder dem jüngsten Neuzugang, dem Freien Radio B138 in Kirchdorf.

Der Äther über Oberösterreich

Immer schon war und ist FRO auch ein Handelsreisender in Sachen „Freies Radio“, im Gepäck eine Art Baukastenmodell. So kommt es, dass mindestens biennal im Rhythmus und mit Unterstützung des Festivals der Regionen Radio FRO also antritt, um mit den unterschiedlichsten Leuten und in den unterschiedlichsten Ecken und Enden dieses Bundeslandes den Äther zu bespielen und die fixe Idee Freies Radio nach Aktualität und Machbarkeit zu prüfen – und zugleich freilich auch vorsichtig auf ihre Flexibilität und Regionalisierung hin abzuklopfen.

Mit dem Grundstein für das Freie Radio Freistadt, dem Eventradio-Projekt „Waelderrauschen“ zum Festival der Regionen 2001, und schließlich mit der Gründung der Freier Rundfunk Freistadt GmbH 2003, die 2004 rechtskräftig die Lizenz 107,1 MHz erhielt, hat der „Freie Rundfunk Oberösterreich“ (FRO) dem Freien Rundfunk in Oberösterreich (und damit wiederum auch sich selbst) einen kräftigen Schub versetzt.
Freilich mischte sich am Anfang in die Freude über den Neuzugang auch ein bisschen die Sorge um die (eigenen) Fördergelder, unbegründet, wie man spätestens heute weiß. Neue Freie Radios graben den bestehenden nicht das Wasser ab und der Aufwand kann dem Nutzen nicht das Wasser reichen.

Land der Freien Radios

In der Zwischenzeit ist Oberösterreich auf dem besten Weg zum „Land der Freien Radios„. So lautet übrigens auch der programmatische Titel der Förderkampagne von 2006, die (auch das ein Novum), von Radio FRO, Freies Radio Freistadt und dem Freien Radio Salzkammergut gemeinsam getragen wurde und sich mittlerweile zu einer Art OÖ Netzwerk Freier Radios entwickelte. Das Ziel: Gemeinsam an den strukturellen und politischen Rahmenbedingungen zu arbeiten. Die Vision: flächendeckende Versorgung mit Freien Radios in Oberösterreich. An der Verwirklichung dieser Vision ist man schon näher dran als es manche glauben (wollen). Schon heute betreiben die Freien Radios in OÖ dauerhaft 9 Sendeanlagen mit 9 Frequenzen in Linz, Bad Ischl, Bad Aussee, Obertraun, Ebensee, Gmunden, Gosau, Wartberg und Freistadt. Von 1,4 Millionen OberösterreicherInnen empfangen mehr als 40% mindestens ein Freies Radio über Antenne. Der jüngste Erfolg: Im Oktober hat mit Radio B1384 in Kirchdorf wieder ein Freies Radio den Sendebetrieb aufgenommen. Und wieder hat mit „Aufbruch in den Äther“ ein Festival der Regionen-Projekt (2007) dafür die Grundlagen geschaffen. Und wieder nach einer Idee von Radio FRO, diesmal schon im Bund mit den Schwesterradios in Freistadt und dem Salzkammergut. Als Wiederholungstäter („Dauerabonnent“) hätte man sich die umfangreiche Einreichung für das Festival im Grunde diesmal eigentlich schon sparen können. Eine schlichte E-Mail, so Festivalleiter Martin Fritz einmal im Scherz, hätte vielleicht auch genügt: „Wir wollen Freies Radio in Kirchdorf machen und brauchen dafür soundsoviel Euro.“ Die besondere Qualität dieser Expansionspolitik in den letzten Jahren liegt darin, dass sowohl das Freie Radio Freistadt als auch Radio B138 in Kirchdorf alles andere als die Verdoppelungen von Radio FRO sind. Freilich, die Grundlagen und vieles andere mehr wurde in den Konzeptionen übernommen, wertvolle Erfahrungen und Traditionen flossen ein, wenn auch der Transfer von Know-how sich in der Praxis manchmal durchaus schwierig gestaltet. Neugründungen müssen erst den missionarischen Eifer der einen und das Autonomiebedürfnis der anderen in den Griff bekommen. Die einen wissen es immer besser, die anderen haben ihre eigenen Vorstellungen. Aber Neugründungen müssen vor allem auch als Chancen gesehen werden, Potentiale zu entdecken, bestehende Ansätze weiter zu entwickeln, neues auszuprobieren und hoffentlich auch den einen oder anderen Fehler zu vermeiden. Wo es noch nichts oder kaum etwas gibt, ist noch vieles möglich und auswärts ist vielleicht manches denkbar, wofür zuhause schon der Spielraum fehlt. Expansionspolitik ist Innovationspolitik: und zwar dann, wenn sie auf Ausdifferenzierung, intelligente Regionalisierung und unterscheidbare Schwerpunktsetzungen abzielt und nicht bloß auf das Duplizieren des Bestehenden [1].

Das „Land der Freien Radios“ ist heute geprägt von einer kleinen und überschaubaren Vielfalt der Ansätze auf dem Fundament gemeinsamer Grundlagen und Überzeugungen. Es sind die Sendestandorte, die dabei auch die Standpunkte bestimmen. Jedes dieser jetzt vier Freien Radios in OÖ hat, eingebettet in die jeweiligen regionalen Strukturen, seine spezifischen Besonderheiten und Schwerpunktsetzungen, die es von den anderen unterscheidet. Neugründungen, das bedeutet auch neue Generationen, die ans Ruder kommen und frische, unverbrauchte Kräfte für die medienpolitische Arbeit in Oberösterreich. Die mutige Strategie von Radio FRO, auch außerhalb von Linz Freie Radios zu ermöglichen, hat nicht nur in Freistadt und Kirchdorf Früchte getragen. “Neugründungen” waren und sind auch im Verband der Freien  Radios in Österreich (VFROE) wieder explizit Thema, zuletzt auf Bundesebene in den Verhandlungen und Gesprächen über die „neue Medienförderung“ [2], die noch heuer hätte kommen sollen, wegen der Wahlen aber vorerst einmal auf Eis liegt. Dass auch der VFROE zunehmend die Rolle neuer Radios betont und es nicht nur darum geht, die Löcher der bestehenden zu stopfen, ist vor allem auch auf die drängende und erfolgreiche Expansionspolitik in OÖ zurückzuführen. Das Beispiel von FRO hat auch in anderen Bundesländern Schule gemacht. „Aufbruch in den Äther“ war nicht nur der Festival der Regionen-Beitrag 2007, aus dem das Freie Radio B138 hervorging. Es ist nicht von ungefähr auch der Titel einer Initiative des Freien Radio in Innsbruck Freirad mit dem Ziel, die Idee Freies Radio auch außerhalb der Landeshauptstadt zu verbreiten. Man hört Positives. Bei regionalen Infoabenden sollen die Leute schon selbstbewusst auf den Tischen stehen: „Inzing braucht ein Freies Radio!“. So ähnlich hat es auch Kirchdorf begonnen. Ein gutes Zeichen. Also weiter so!

Otto Tremetzberger war von 2002 bis 2004 Geschäftsführer der FRO GmbH
und ist seit 2004 Geschäftsführer des Freien Radio Freistadt.

 

[1] Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt im Übrigen auch eine Vergleichsstudie im Auftrag der RTR über Community
Medien in Europa, die demnächst über www.rtr.at zu beziehen ist.

[1] Die „Förderung von privatem nichtkommerziellen und kommerziellen Rundfunk“ durch den Bund.

Zuletzt geändert am 13.11.08, 00:00 Uhr

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