Kunst und Kultur
Binario bedeutet im Italienischen
Bahnsteig oder
Bahngleis und dient uns hier als
Metapher für unsere Begegnung mit dem Nichtbinären.
Binario Due bedeutet also, dass es nicht mehr nur
eingleisig weiter geht, auf
einer einzigen eingleisigen Strecke, die
genau zwei festgelegte Schienen hat,
rechts/links, schwarz/weiß, männlich/weiblich. Nein, da ist noch mindestens ein anderer
Bahnsteig, von dem aus
Reisen in ganz andere Richtungen möglich sind.
Diese anderen Geleise bestehen zwar wiederum aus
jeweils zwei Schienen … aber nicht einmal hier endet unsere
Metapher: Biologisch bestehen wir ja alle aus
zwei …
Der Umgang mit nichtbinären Geschlechtsidentitäten regt zur Selbstbestimmung an – in dieser von
Rollenklischees und
Geschlechterstereotypen verengten Welt …
Zur Klarstellung vorweg: Wir wollen in dieser Sendung einfach
ein paar Beispiele aufzeigen, wo sich erste
Risse im vermeintlich so festen
Definitionsgefüge bilden (und
Definition ist ja immer auch
Herrschaft, wie uns
Begriffe wie “Definitionshoheit” verraten). Und wir wollen auch zu
ein paar “anderen” Denk-,
Sicht- und
Wahrnehmungsweisen einladen, die
uns Mut machen können,
neue Wege auszuprobieren. Dies alles, weil wir
selbst erfahren haben,
wie weh es tut, in ein
Korsett, eine
Zwangsjacke oder ein
viel zu enges Schachterl gezwungen zu werden,
nur weil jemand anders damals geglaubt hat (oder immer noch glaubt?),
das müsste so sein.
Wir aber sind in between …
Irgendwann
in den 70er Jahren tauchten
ein paar langhaarige Familienväter in der Welt des
Progressive Rock auf, die
auf eine angenehm andere Art als sonst üblich
von Liebe und Beziehung sangen.
Nicht in der hörgewohnten Weise, dass es sich, wenn
zwei Menschen zusammen kommen, natürlich nur um
einen eindeutigen Mann und
eine eindeutige Frau handeln kann,
Yeah Baby, was denn auch sonst? Das war die damals aus allen Schalltrichtern auf eine/n eintönende
“Normalität”, die jeder
nicht heteronormative Mensch als
zutiefst verletzende,
penetrante Propaganda erlebte.
Die inzwischen nicht mehr ganz so langhaarigen
Familiengroßväter der
Rockgruppe YES stellten
innerseelische Entwicklung und
zwischenmenschliche Beziehungen jedoch
jenseits der Chiffren und Codes dar, die mit angeblich
selbstverständlichem Mannfraupimperanto assoziiert werden. Das war (und ist) dermaßen
wohltuend, dass deren Altersdarbietung von
“And You And I” Live in Montreaux hier bestaunt gehört. Und die Bilder, die es beim Hören aufsteigen lässt,
unserer Phantasie zur Erweiterung ihrer Möglichkeitsformen
beim UmGestalten unseres Selbst dienlich sein mögen …
In den 80er Jahren beschrieb
Peter Gabriel das
“Geheimnis eines wirklich guten Lovesongs”. Es gehe dabei darum, dass
nicht explizit ausgedrückt werden dürfe,
ob es sich bei der besungenen Liebe um die
zwischen einem Mann und einer Frau oder zwischen
zwei sonst irgendwie anderen Menschen oder
überhaupt zwischen zwei Lebewesen handle. Das müsse
unausgedrückt offen und so
der Imagination der Zuhörenden überlassen bleiben, damit es
ein wirklich wesentliches Lied über die Liebe sein könne.
Umfassend inklusiv –
und so wahr: “Love To Be Loved”
Irgendwie kommen wir noch
in die Gegenwart …
Auf einer spirituellen Reise zum
Geist des Widerstands, der wie
“da Wind in die Bam” durch unsere Träume weht, womöglich?
Jedes Beharren auf
“den eigenen Sinn” und somit auf
“die eigenen Sinne” ist
ein Akt des Widerstands und
der Keim eines Aufbruchs: “Il prossimo treno parte dal binario due.” Der nächste Zug fährt von Gleis zwei.
Wir sind viele und unsere Möglichkeiten sind unendlich.
Die wahren Abenteuer sind im Kopf weil die wahren Veränderungen zuerst in uns selbst stattfinden.
Also dann …
Gute Reise!