Kunst und Kultur
Wer kann
die Zahl des Tieres verstehen? In der
Apokalypse/Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel, wird sie als
666 (sechshundertsechsundsechzig) bezeichnet. Und die möglichen
Deutungen sind –
Rabimmel Rabammel – zum schwindligwerden zahllos und seltsam. Die griechische Rockband
Aphrodite’s Child hat das biblische Buch
als Ausgangspunkt für ihr legendäres
Album 666 ausgewählt – und daraus
vor über 50 Jahren (Juhubiläum!)
ein psychoakustisches Kopftheater erzeugt, dass es einem noch heute
sämtliche Bedeutungsebenen durcheinander schiebt. Nun bringen wir
das zeitlose Meisterwerk, das wir
unlängst in Ausschnitten betrachtet haben, auf vielfachen Wunsch in seiner ganzen
Gesamtheit zu Gehör. Daher die Doppelstunde.
Anschließend an das
überlange Konzeptdoppelalbum mit seinen
ca. 79 Minuten Laufzeit werden wir auch wieder auf die
Verfilmung von
“Die letzte Versuchung” mit dem genialen Soundtrack
“Passion” von
Peter Gabriel zu sprechen kommen, allerdings diesmal mit ausführlichen
Klangbeispielen, ganz im Sinn
der Beobachtung “Wenn Griechen sich an biblischen Themen abarbeiten…”
sowie der daraus erwachsenden Möglichkeiten zum
Selberdenken.
Nikos Katzanzakis beschrieb sein
Romanprojekt als “den mühevollen Versuch, Christus leibhaftig darzustellen, ohne die Verdunklungen, Verfälschungen und Unwichtigkeiten, mit denen er von den Kirchen und Kuttenträgern ….. entstellt wurde”. Das hat ihm noch posthum die
Verweigerung seines Friedhofsbegräbnisses durch
die griechisch-orthodoxe Kirche eingebracht,
und die römisch-katholische setzte sein Buch
1954 auf den dazumals noch bestehenden
Index der verbotenen Bücher. Jössas! Unser Prädikat:
Unbedingt lesenswert. Und vor allem anregend – zur längst überfälligen
Entzauberung des Kindes, das man nicht mit dem Bad ausschütten muss.
“Das bunte Kind, es grinst aus deinem Inneren, ist immer noch zu jedem Mist bereit …” So heißt es in
“Die Phantasie wird siegen” von
Max Prosa. Die wilde Schaffenslust der vor der damaligen griechischen
Militärdiktatur reißaus nehmenden
Künstler_innen, die hinter der Entstehung des
Kultalbums 666 stecken,
ist hier beispielgebend dokumentiert. Erstaunlich dabei ist vor allem, dass
Textdichter und Konzeptentwickler Costas Ferris schon damals eine
Projektidee mit dem Titel
“Passion” in Arbeit hatte, die dann wegen des Erscheinens von
“Jesus Christ Superstar” zurückgestellt wurde. “Da hat wider einer seinen Katzanzakis gelesen”, denk ich mir, und: “So treffen sich die roten Fäden all der schöpferischen Ideen – naturgemäß.” Wie dem auch sei,
auch wir glauben an den Zusammenhang hinter dem Anscheinenden und empfehlen dazu
Übungen in Phantasie. Sagen wirs einmal
ohne Krieg,
jenseits von Gut und Böse: Die Phantasie wird siegen – und die Realität wird vergehen – ganz einfach so …