3fd1028f0079c3cecccdd6048b5ca15a.jpg Kuanyin Moi
Kuanyin Moi
KUPF Radio Show

KulturgeMuss – Die netten Jahre sind vorbei

Genusskultur, Genussmeilen und Genussbackstuben: Kaum ein Lebensbereich scheint ohne Selbstprädikation in Form von Vergenussung auszukommen.

 Hierbei drängt sich aber der Gedanke auf, dass es hierbei eher um eine Verzweckung geht und um so heftiger auf Genuss insistiert wird, je weniger es tatsächlich zu genießen gibt. Im Ausdruck „Genusslust“ wiederum werden vielleicht zwei Begriffe zusammengezwungen, deren Verbindung eher als Hassliebe zu verstehen wäre. Allüberall wird genossen! Dreht die Flinten?

In dieser Ausgabe der KUPF RADIO SHOW gibt es ein Interview mit dem Berliner Journalisten und Autor Magnus Klaue (Jungle World, Konkret, Bahamas, Versorgerin) zu hören. Vor allem geht es vor dem Hintergrund der Kritik an der Kulturindustrie mit Bezug auf Theodor W. Adorno und Max Horkheimer um das Verhältnis von Genuss und Lust. Die These ist, dass jene Form von „Genuss“, wie sie in Ausdrücken wie „Genusskultur“ oder „Kulturgenuss“ zum Ausdruck kommt, die Funktion erfüllt, Menschen mit den bestehenden Verhältnissen zu  versöhnen, während „Lust“ ein überschießendes Moment beinhaltet, das emazipatorisches Potential birgt. Auch George Bataille, in dessen Werken Begriffe wie „Überschreitung“ und „Exzess“ zentrale Bezüge darstellen, wird angesprochen: An ihm kritisiert Magnus Klaue den affirmativen Bezug auf das „Opfer“, in dem ein antimoderner Zug zum Ausdruck kommt.

Auch das Verwischen der Grenze von Hoch- und Populärkultur wird im Verlaufe der Sendung thematisiert und dass das Schwinden dieser Differenz auch Auswirkungen auf die Möglichkeit hat, unreglementierte Erfahrungen zu machen. Hierbei geht es auch um das Element von „Angstlust“, wie es in der Psychoanalyse gefasst und gerade an Betätigungen wie Achterbahnfahrten entwickelt wurde.   

Auf Seite der Genussideologie ist auch das Schlagwort der „Entschleunigung“ zu verorten, mit dem sich Magnus Klaue in der Ausgabe #0097 der „Versorgerin“ unter dem Titel „Gemächlich geht die Welt zugrunde“ auseinandersetzt. Diese Reaktion auf das beschleunigte moderne Leben bleibt eher im Bestehenden, als es zu überschreiten und ist als Komplementär zu Phänomenen wie „Burnout“ insofern zu kritisieren, als sie letztendlich einen „Genuss von Zeit“ propagiert, der den gesellschaftlichen Zwängen konformer ist.   

Der im Verlauf der Sendung angesprochene Text „Vom Geschmack zur Idiosynkrasie. Zum Wandel von Geschmacksurteil und ästhetischer Erfahrung in der Kulturindustrie“ ist 2012 als Beitrag zum Sammelband „Alles Falsch. Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie“ im Berliner Verbrecher Verlag erschienen.

Neben seinen Texten in den oben erwähnten Zeitungen, gibt es unter http://audioarchiv.blogsport.de/tag/magnus-klaue auch einige sehr hörenswerte Vorträge von Magnus Klaue.

 

Hier die beiden Zitate aus der Sendung zum Nachlesen:

  • „Jeder Genuß aber verrät eine Vergötzung: er ist Selbstpreisgabe an ein Anderes. Natur kennt nicht eigentlich Genuß: sie bringt es nicht weiter als zur Stillung des Bedürfnisses. Alle Lust ist gesellschaftlich in den unsublimierten Affekten nicht weniger als in den sublimierten. Sie stammt aus der Entfremdung. Auch wo Genuß des Wissens ums Verbot entbehrt, das er verletzt, geht er aus Zivilisation, der festen Ordnung erst hervor, aus der er sich zur Natur, vor der sie ihn beschützt, zurücksehnt. Erst wenn aus dem Zwang der Arbeit, aus der Bindung des Einzelnen an eine bestimmte gesellschaftliche Funktion und schließlich an ein Selbst, der Traum in die herrschaftslose, zuchtlose Vorzeit zurückführt, empfinden die Menschen den Zauber des Genusses.“ (Horkheimer/Adorno, „Exkurs II: Juliette oder Aufklärung und Moral“, in „Dialektik der Aufklärung“)

 

  • „Einer Menschheit, welche Not nicht mehr kennt, dämmert gar etwas von dem Wahnhaften, Vergeblichen all der Veranstaltungen, welche bis dahin getroffen wurden, um der Not zu entgehen, und welche die Not mit dem Reichtum erweitert reproduzierten. Genuß selber würde davon berührt, so wie sein gegenwärtiges Schema von der Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann. Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, »sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung« könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden.“ (Adorno, Aphorismus „Sur l'eau“, in: „Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben“)

 

Sendungsgestaltung: Claus Harringer

Zuletzt geändert am 24.02.13, 00:00 Uhr

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Verfasst von Claus Harringer

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Gesendet am Di 26. Feb 2013 / 17:30 Uhr

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