Im Gehen lernen

von Andreas Wahl und Veronika Moser//
Bei der Einführung der freien Radios gab es keinen Masterplan. Kein wohlwollender Staat hat sie geplant und installiert. Ganz im Gegenteil mussten sie mit politischen und juristischen Mitteln gegen den Staat erkämpft werden. Quasi in einem Selbstschöpfungsakt.

Und wenn sich jemand selbst erfindet, dann gibt es keine feststehenden Vorlagen, an denen die weitere Entwicklung ausgerichtet werden könnte. Da wollen wir uns auch nicht allein auf das eigene Gespür und eigene Ansichten verlassen, sondern sind auf Feedback von außen angewiesen! Manchmal organisieren wir dieses auch selbst: So haben wir 2013 eine Hörer*innen- und Qualitätsstudie in Auftrag gegeben, die erheben sollte, wie Menschen Radio FRO wahrnehmen und welche Ansprüche sie an ein freies Radio haben. Im Folgenden präsentieren wir dir Auszüge aus zwei Kapiteln des im Vorjahr publizierten Forschungsberichts von Daniela Fürst und Pamela Neuwirth. In „Open Space – Mediale Plattform für alle?“ sprechen Gestalter*innen und Hörer*innen über die Struktur und das Programm von Radio FRO: seine Attraktivität, Möglichkeiten und Potentiale.

Radio FRO als Nachrichten- und Informationsquelle – Alternative zum Mainstream?

Die Frage der Attraktivität von Radio FRO als Nachrichten- und Informationsquelle spielt auf mehreren Ebenen eine Rolle. Es spielen Ort, Gebäude und Räumlichkeiten, wie auch seine Geschichte und „der Zeitgeist”, den es transportiert, mit. Ebenso relevant: Radio FRO als nichtkommerzielles Medium, die rechtlichen Grundlagen, die budgetären Mittel und die Infrastruktur. Das hat nicht nur Einfluss auf Hörgewohnheiten, sondern gestaltet diese auch mit: „Die Vorselektion von Inhalten und Meinungen ist bei Radio FRO nicht da. Es spielt eigentlich keine Rolle, wie viele Leute das interessiert auf Hörer*innenseite. Bei den Kommerziellen ist das ja ein absolutes Knock-out-Kriterium. Wenn es nicht etwas Populäres ist, dann wird es nicht gesendet. Das finde ich eine wichtige Alternative. Es geht eben nicht darum, ein bedeutungsvolles Thema zu lancieren, sondern sich zu artikulieren. Das ist das Einstiegskriterium. Sachen, die ansonsten im Mainstream vielleicht untergehen würden.”

„Ich würde vermuten, dass viele gar nicht wissen, dass 105.0 die Frequenz von Radio FRO ist. Das ist mal eine der wichtigsten Informationen, damit ich im Radio diesen Sender überhaupt finde.” Eine Empfehlung lautet: „Mehr Öffnung fände ich schon gut! Wäre nicht Pangea (Anm.: Kulturverein), wer weiß, ob und wann ich vom FRO erfahren hätte? Und jetzt weiß ich zwar, wo ihr seid, aber ich käme nicht auf die Idee auf Sendung zu gehen oder so.” Radio FRO ist sich dieser Problematik bewusst.

Einerseits ist sein Bekanntheitsgrad in der Stadt wohl unter anderem seiner Graswurzel-Geschichte geschuldet,  ander-erseits herrscht als werbefreies Radio kein Quotendruckhinsichtlich Hörer*innenzahlen.
Die nichtkommerzielle Ausrichtung von Radio FRO erlaubt im Sinne des Informationsaustausches Möglichkeiten, die ein öffentlich-rechtlicher Sender bzw. ein Privatradio nicht eröffnet. Wesentlich hierbei ist die aktive Mitgestaltungsmöglichkeit: „Ich glaube, die Stärke liegt wirklich im Partizipieren, im Zugang und dann schon auch in den Themen.“

„Es gibt ja das Seniorenradio, in letzter Zeit hab ich es ein bisschen gehorcht, das war gleich in der Früh und da spielen sie ja, glaub ich, Originalmusik. Ja, ich glaub schon, dass FRO viele Leute anspricht, deren Themen sonst wohl nicht so oft vorkommen bzw. dass sie das selbst machen können, was sie im Radio hören wollen – also das ist in jedem Fall eine Alternative.”

Der sogenannte Linzbezug oder „Grätzelbezug“, das gesendete Lokalkolorit, das die Hörenden über Radio FRO gewinnen, macht es für viele erst attraktiv: „Was für mich jetzt schon interessant ist in diesem Zusammenhang, das ist der Linzbezug, der Grätzelbezug. Da hat es einen großen Stellenwert. Wie viel man es nun hört oder nicht, das ist unwichtig, aber dass es das überhaupt gibt, sprich: dass es einen Gegenpart gibt.”
 „Ich fand es schön, als ich zum ersten Mal in dieser Radio FRO Zeitung gesehen habe, das mit diesen Fußballklubs oder der Schule. Das hat was Bodenständiges. Und es ist ganz egal, ob das gutes Radio ist oder nicht, sondern dass man mit gesellschaftlichen Organisationen zusammenarbeitet, die für eine bestimmte regionale Verankerung stehen.”

„Es ist, glaub ich, auch die historische Perspektive wichtig. Dass man den Zeitgeist einfängt in einer Region, die Menschen, die Sprache, die Natur, und dass dies dann in 1 bis 200 Jahren einmal sehr wertvoll sein wird. Für die Historiker und die Soziologie, alles Mögliche.”
Die politische Identität von Radio FRO 105.0 MHz
In Bezug auf die politischen Ausrichtungen von Radio FRO gab es in allen Fokusgruppen eine relativ ähnliche Einschätzung: „Eindeutig links. Gar keine Frage. Eher sogar sehr links.”

„Wahrscheinlich wird beim ersten Hören Radio FRO schon in einer bestimmten Ecke verortet.
Vielleicht wäre es auch ein Schritt, gerade das zu popularisieren. Und dass man eben auch mit diesem Image arbeitet, dass es darum geht, ein offenes gesellschaftliches Medium zu sein und nicht so sehr, eine bestimmte Schicht oder bestimmtes Milieu zu bedienen, egal ob links oder rechts oder oben oder unten. Jetzt nur Kultursender zu sein oder Politsender zu sein, das wollt ihr ja gar nicht. Deswegen könnte man auch bewusster an diesem Image arbeiten.”

Jedoch spielt die politische Positionierung des Radios nicht für alle eine so wesentliche Rolle: „Ich würde diese Einteilung nicht so dogmatisch sehen. Ich sehe Radio FRO eher als Teil der linken alternativen Kulturszene und weniger als politische Bewegung. Außerdem gibt es hier unter den Senioren auch anders politisch Orientierte, wie ich weiß. Es ist wohl ein Haufen vieler verschiedener Meinungen und ich würde das auch nicht als Hürde sehen und deswegen einen Wissenstransfer nicht machen.”

„Gibt’s ein besseres Wort für ,Randgruppen‘?” Neben der relativ klaren politischen Positionierung auch in der „sozialpolitischen Szene”, die von den Diskutierenden als solche auch wahrgenommen wird, besteht zudem ein klares Bekenntnis zu Minderheiten-Politiken, die über weite Strecken im Programm von Radio FRO zu finden sind:

„Ich glaube, es gibt politische und ideologische Prinzipien bei Radio FRO. Es ist für mich ein klares Plädoyer für, sagen wir, dissidente Positionen. Über Minderheiten auch über ökonomische Dissidenten.”

„Radio FRO ist etwas Spezielles und was Spezielles eben hier nur für eine Minderheit. Eine bestimmte Zielgruppe zu haben, ist ja auch eine politische Haltung. Ich sehe das nicht als Defizit.“


„Also ich nehme Radio FRO nicht als reinen Kultur-Sender wahr. Ja, den marginalisierten Leuten Stimme und Platz geben. Und das ist für mich schon politisch.”


„Das ist genau das Metier von so einem Radio, eben den Kleineren die Stimme zu geben, weil sie die Sendezeit haben.”


Vor allem den nicht-deutschsprachigen Sendungen wird hier ein besonderer Stellenwert zugewiesen: „Politisch klingt schon mal gut, denn Voice of Afrika ist politisch!”


„Ich sehe das positiv. Ich kann jetzt nur von unserer Sendung reden, da sagen wir auf jeden Fall den Leuten draußen, die kein Deutsch verstehen, was gerade läuft und welche Gesetze wichtig sind oder neu sind, und wir diskutieren auch darüber.”


„Das zeichnet Radio FRO aus, dass man einen niederschwelligen Zugang hat und keine Zensur sozusagen. Und das ist ja ganz spannend, wenn man auf eine türkische oder serbische Sendung stößt.”

In der Chance von FRO als vielfältiges, „halbwegs politisch unabhängiges Radio” liegt immer auch – wie es der Politologe Franz Walter bezeichnet – das Menetekel des Scheiterns: „Also bei uns am Land weiß das eh keiner. Was FRO ist und was man damit verbinden kann. Und ich denke, wenn sie wüssten, dass FRO auch so in Richtung Dreadlocks- und Batikleiberl-Abteilung geht, dann würden sie das nicht horchen. Ich darf das sagen, weil mir das sympathisch ist und für mich keine Hemmschwelle ist. Aber die Leute vom Land, da kann ich mir das schon vorstellen.”

Politische Signalwirkung wird von den Diskutierenden auch in den vorhandenen Themen im Programm verortet. Zudem fungiert Radio FRO in seiner inhaltlichen Breite als eine Art Türöffner für wenig bekannte beziehungsweise wenig lancierte gesellschaftliche Themen: „Es gibt eben bestimmte Diskussionen auf Radio FRO, die ich bevorzuge. Das finde ich nirgendwo anders.”


„Weil eben die Gestalter und Gestalterinnen aus ganz vielen verschiedenen Ecken kommen. Und die sind absolut alternativ zu den professionellen Machern und da gibt es eben andere Standpunkte und Meinungen, die sonst nicht vorkommen würden.”

Oder aber Radio FRO wirkt auf seine Hörenden durchaus bestätigend, und zwar dahingehend, dass Sendungen als eine gewollte gesellschaftliche Nische empfunden werden: „Es gibt sicher genug Leute, die anders denken und das dann nicht horchen, aber ich find' das schon gut so.”

„Ich brauche Gegenpositionen. Radio FRO ist dazu viel zu sehr meine politische Meinung. Es ist nur eine ideologische Bestätigung.”
„Mir ginge das FRO ab, wenn es nicht hier wäre. Was das politische Gewicht oder Potential betrifft, gefällt mir, dass es lockerer ist als Ö1.”
Selbst im alternativen Zugang zu den Ressourcen und zur Infrastruktur von Radio FRO liegt politisches Potential verborgen. Hier spielt vor allem das Stichwort Werbefreiheit hinein: „Radio FRO ist für mich, so wie ich es kennen gelernt habe, ein freies und unabhängiges Radio, das nicht auf Kommerz ausgerichtet ist.”


„Ich bin ganz klar davon überzeugt, dass es neben dem Kommerz auch Abseitsbereiche braucht, die nicht durchkommerzialisiert sind.”


„Radio FRO ist schon politisch, weil eben Themen oder Gedanken vorkommen, die woanders nicht vorkommen. Darum finde ich es auch wichtig, dass es nicht kommerziell wird.”

Die gesamte „Hörer*innen- und Qualitätsstudie zur strategischen Programmentwicklung im nichtkommerziellen Rundfunk“ kannst du unter www.fro.at/projekte downloaden oder in gedruckter Form bei Radio FRO abholen. Natürlich kostenlos!

Zuletzt geändert am 07.04.15, 00:00 Uhr

Silke Müller

Verfasst von Silke Müller

Ein Duett aus Radiofeature-Produktion und Illustrationsausstellung hat mein Kommunikationsdesign und Medienstudium abgeschlossen. Seit dem beschäftige ich mich mit der großen, künstlerischen Radioform "Feature", mit Reportagen und Interviews mit KünstlerInnen und Kulturschaffenden.

Ich bin freischaftende Illustratorin für Plakate - zum Beispiel für Radio FRO - Zeitungen, Magazine, Bücher und Ausstellungen. Radiohören geht beim Zeichnen wunderbar.

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