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Hinein in die Verwertungslogik?

„Linz muss wieder spüren, dass es ein Radio FRO 105.0 gibt.“ Diese Forderung hat Otto Tremetzberger, Ober-
österreichs einziger freier Medienmogul, vor 3 Monaten an dieser Stelle formuliert. Leider wird sie vor allem mit einer Reichweitenerhebung in Verbindung gebracht, die 2011 erstmals Auskunft über die HörerInnenzahlen der vier oberösterreichischen Freien Radios liefern wird.

Natürlich ist die Frage nach der HörerInnenschaft berechtigt.Sie liegt schließlich in der Natur der Sache Rundfunk. Otto hat Recht, wenn er den Freien Radios einen Denkkonservativismus konstatiert, der sich – polemisch formuliert – beharrlich um die Verweigerung der Kenntnisnahme darüber bemüht, dass es auf der anderen Seite des Radios auch noch jemanden gibt. Der Grun für diese Haltung ist im Ende der 1990er Jahre formulierten politischen Verständnis von Freiem Radio zu suchen, das auch heute die in allen wesentlichen Punkten unveränderte Grundlage dieses Sektors in Österreich bildet. Man wollte vor allem den zivilgesellschaftlichen Zugang zum bis dahin verschlossenen Rundfunk. Sowohl der Umstand, dass der Sender zu Beginn von angehenden RadiomacherInnen überrannt wurde, als auch die gegenwärtige Situation zeigen, dass Freies Radio auch heute (noch) für eine ProduzentInnenschaft attraktiv ist. So kann man FRO durchaus konstatieren, dass es als lokale Kommunikationsplattform nach wie vor von Relevanz ist. Die erste These lautet also: „Freies Radio ist dann relevant, wenn es Programmmachende gibt.“

Spannungsfelder
Jetzt hat sich aber im letzten Jahrzehnt in allen Mediensektoren doch einiges getan. Man fragt sich zu Recht, wie man sich in einer Fülle an Angeboten, Partizipationsmöglichkeiten und Inhalten überhaupt noch bemerkbar machen kann. In Ottos Statement wird dieser Paradigmenwechsel sichtbar, der den eigenen Anspruch von einem vormals rein medienpolitischen auch auf einen publizistischen verschiebt. Das ist insofern legitim, als ein weiterer Auftrag Freier Medien vor allem in der Förderung komplementärer, also den Mainstream ergänzenden Inhalte liegt. Wenn die oft auf hohem Niveau produzierten Sendungen aber keiner hört, dann kann man sich wiederum die Frage nach der publizistischen Relevanz stellen. Die zweite These lautet also: „Freies Radio ist dann relevant,
wenn es gehört wird.“ Dieses Spannungsfeld ist nicht neu, sondern Freiem Radio immanent und macht deutlich, dass der Sender mit vielfältigen Ansprüchen konfrontiert ist. Die Einen wollen einfach gehört werden können und die Anderen wollen, dass sie mit ihren Inhalten auch etwas ausrichten. Relativ neu ist allerdings, dass man offenbar glaubt, man könnte die Wirksamkeit erhöhen, indem man jenen Nutzen Freier Medien, der sich aus der grundlegenden Rolle der ProduzentInnenschaft ergibt, marginalisiert. Darüber hinaus besteht eine „Wirksamkeit“ auch abseits des hörbaren Programms: Das ist zum einen die Förderung von Medienkompetenz, die durch Aus- und Weiterbildung, aber vor allem durch den offenen Zugang an sich stattfindet. Zum anderen sind das die Funktionen als lokale, kulturelle Plattform, als Drehscheibe und Vernetzungsknoten und schließlich auch als Initiator für öffentliche, diskursive Auseinandersetzungen. Zugunsten aller genannten Punkte verliert die Reichweite als Indikator für Relevanz an Wichtigkeit.

Die begrenzte Aussagekraft der Zahlen
Kommen wir aber zur Ausgangsfrage zurück: Wie spürt also Linz, dass es Radio FRO gibt? Durch das Wissen der LinzerInnen um eine Reichweite zwischen 0,3 und 0,5 Prozent? Unwahrscheinlich. Stärkere öffentliche Präsenz, selbstbewussteres Auftreten, diskursive Intervention in den Linzer Alltag, Plattform und Anlassgeber für Auseinandersetzungen sein, öffentlichkeitswirksame und kritische Aktionen starten, innovative Formate für Sendungen, aber auch für Außenauftritte entwickeln – kurz: es zum Dialog kommen zu lassen, ohne dabei auf Über- legungen bezüglich Hörbarkeit und Aufmerksamkeit zu verzichten. All das scheint sinnvoll, um die Relevanz von Radio FRO als Stadtradio zu erhöhen. Daher lautet die dritte These: „Freies Radio ist dann relevant, wenn es sich sichtbar und dialogisch in den öffentlichen Raum der Stadt einbringt.“ Wenn es dann noch Instrumente gibt, mit denen der Erfolg einer Sendung auch auf Grundlage ihrer Reichweite evaluiert werden kann, nichts besser als das. An dieser Stelle sei jedoch auf die Schwierigkeit verwiesen, überhaupt zu repräsentativen Zahlen für Freie Medien zu kommen. Freies Radio lässt sich per se nicht in einer Zielgruppe subsumieren. Wir wissen, dass die Hörerinnenschaft äußerst heterogen ist und von Sendung zu Sendung stark variiert. Während in einer bosnischen Sendung ununterbrochen das Talk-Telefon läutet, sind im eigenen Infomagazin nicht einmal Freikarten anzubringen. Wie schwierig also die Frage nach der „Wirksamkeit“ tatsächlich ist, lässt sich an diesem Beispiel hervorragend ablesen. Es bedarf einer umfassenden Differenzierung all dieser Parameter, will man die Daten dann auch für etwas verwenden können. In diesem Lichte erscheint der Impact
einer Reichweitenerhebung insgesamt gering. Es stellt sich die Frage: Welche Funktion können HörerInnenzahlen im Freien Radio überhaupt haben?

Skepsis ist angebracht
Die berechtigte Skepsis gegenüber einer solchen zahlenbasierten „Wirksamkeitstheorie“ gründet auf der Gefahr, dass ökonomische Argumente politisch nach hinten losgehen können. Vor allem dann, wenn offensichtlich ist, dass sie in ihrer Logik dem Selbstverständnis Freier Medien grundlegend zuwiderlaufen. Schließlich ist das eine ihrer großen Freiheiten, sich – was die eigenen Inhalte betrifft – nicht durch Quotendruck beschränken zu lassen
oder sich in finanzielle Abhängigkeit auf dieser Denkgrundlage begeben zu müssen. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde durch die Ausformung der Bundesförderung als Content-Förderung (anstatt einer für alle gleichen Basisfinanzierung) bereits gemacht. Dies hat zu einer gewissen Entsolidarisierung zwischen den Freien Radios geführt, sodass seit letztem Jahr Finanzierungen der Programmanteile in direkter Konkurrenz zueinander beantragt werden. Man hat sich hier also bereits einer gewissen ökonomischen Logik unterworfen: Wer die meisten Inhalte bringt, wird gefördert. Die Weichen für die Herstellung eines quantitativen Zusammenhangs als Basis für die Förderung Freier Medien sind also bereits in ihren Grundzügen gestellt. Es ist deshalb gefährlich, ihre Wirksamkeit allein im Zusammenhang mit ihrer Reichweite zu sehen oder gar politisch mit diesem Argument punkten zu wollen. Wenn wir nach Wirksamkeit fragen, scheint es sinnvoll, sich zuallererst am eigenen Kernanliegen zu orientieren, bei dem es um eine Demokratisierung der Gesellschaft geht. Deshalb lautet die abschließende These: „Freies Radio ist dann relevant, wenn es einen Beitrag zur Demokratisierung leistet.“ Reden wir darüber, was die nächsten medien- und demokratiepolitischen Herausforderungen sind und wie sich der alterndeAuftrag auch im Sinne einer qualitativen programmatischen Verbesserung sinnvoll weiterentwickeln lässt, ohne dieser äußerstwichtigen Diskussion von vornherein eine uns zuwiderlaufende, indifferente Logik überzustülpen.

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Ingo Leindecker ist Vorsitzender des Vereins Radio FRO und wird sogar dann für griesgrämig gehalten, wenn er grinst.

Zuletzt geändert am 02.08.12, 00:00 Uhr

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Verfasst von Stefan Rois

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