DSC08717 Fahrleitungsmast in Leonding
Erich Klinger (©)
Zu hören am Di 17. Mär 2020 / 19 Uhr
Wegstrecken

Günstigere Jahreskarten – können „wir“ uns das leisten?

Um 365 Euro ein Jahr lang in jedem Bundesland und um 1.095 Euro in ganz Österreich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein: das klingt doch verlockend.

Und als Fahrgast, der etliche Male in Tirol und vor allem in Vorarlberg die Vorzüge eines Systems, bei dem auch günstige Wochen- oder Monatskarten für ein ganzes Bundesland angeboten werden, genossen hat, möchte ich natürlich auch in OÖ sobald wie möglich ein derartiges Angebot wahrnehmen können.

Mein heutiger Studiogast, Verkehrsaktivist Richard Fuchs aus Salzburg, ist letztlich auch kein Feind der eigenen Brieftasche, wenn er ein günstigeres Angebot – z.B. im Stadtverkehr – in Anspruch nehmen kann.

Allerdings hat Richard, auch resultierend aus seiner langjährigen Tätigkeit für den Salzburger bzw. daran anschließend den Oberösterreichischen Verkehrsverbund, wie es scheint, berechtigte Zweifel an günstigeren Zeitkarten für den Öffentlichen Verkehr, weil diese zuerst einmal ein Loch in das Budget der Verkehrsverbünde als Besteller von Leistungen reissen.

Nun kann man darüber diskutieren, spekulieren oder resümieren, dass ein flächendeckender und attraktiver öffentlicher Verkehr ohnehin weitgehend von Zuschüssen der öffentlichen Hand finanziert werden muss, weil die Fahrgasteinnahmen maximal ein knappes Drittel der aufzubringenden Summen einbringen und dass daher auch Freifahrt auf allen Linien weniger utopisch als realistisch wäre.

Fakt ist allerdings auch, dass deutlich günstigere Zeitkarten in jedem Fall Auswirkungen haben: sei es jene, dass wie zumindest in Vorarlberg behauptet wird, die steigende Zahl von regelmäßigen ÖV-NutzerInnen letztlich so viel einbringe, dass damit auch Ausweitungen des Angebotes mitfinanziert werden können, oder sei es, wie von Richard auch schon in Radiosendungen argumentiert wurde und wird, dass es zu einer „Verwanderung“ kommt, dass also vermehrt NutzerInnen auf die günstigeren Jahreskarten umsteigen, sich aber insgesamt die Zahl der ÖV-NutzerInnen nicht in jenem Ausmaß erhöht, das zu ähnlichen Einnahmen führt wie vor der Einführung z.B. des Jahrestickets für Wien um 365 Euro oder für BewohnerInnen der Stadt Linz um 285 Euro.

Wenn allerdings die Zahl der Fahrgäste steigt bzw. das Angebot erweitert wird, müssen zwangsläufig auch zusätzliche Fahrzeuge bzw. zusätzliches Personal zum Einsatz kommen und auch im Bereich der Infrastruktur zusätzliche Investitionen getätigt werden.

Nun bin ich mir sicher, dass auch mein Studiogast Angebotserweiterungen nicht ablehnend gegenüber steht, im Gegenteil, er stellt sich halt auch die berechtigte Frage, wie günstigere Tarife und Ausweitungen des Angebotes ohne ausreichende und vor allem langfristig gesicherte Abgeltung der dafür nötigen Leistungen unter einen Hut zu bringen sind.

Abschließende persönliche Anmerkungen meinerseits: für mich ist bei all dem auch wesentlich, dass Arbeitsbedingungen und Bezahlung des Personals, das uns weiter bringt, nicht auf der Strecke bleiben. Oder dass, wie man in Deutschland gut nachvollziehen kann, Ausschreibungen nur mit äußerster Vorsicht zu genießen sind, weil sie den Gesetzmäßigkeiten des Marktes folgend, ständige Unruhe erzeugen und dabei einiges an Ressourcen verschwenden. Und letztlich oft nur über Einsparungen beim Personal gewonnen werden können. Was zur Folge hat, dass Eisenbahnverkehrsunternehmen mit zu wenig Personal kalkulieren oder zum Zeitpunkt der Aufnahme des Betriebes bei weitem noch nicht jene Personaldecke aufweisen, die sie benötigen würden, um den Betrieb so abzuwickeln, wie mit den jeweiligen Bestellenden vereinbart.

Die aus den Ausschreibungen resultierende relativ kurze Laufzeit der Verträge ist auch für engagierte Verkehrsunternehmen ein Klotz am Bein, weil man ja de facto nicht über maximal 10 Jahre hinaus planen kann, umso tückischer, wenn dann wie bei der Berchtesgadner Land Bahn (BLB) die Infrastruktur in anderen und schwerfälligen Händen ist, wo schon die Errichtung eines zusätzlichen Haltepunktes (bei uns heißt das Haltestelle) eine Sache auf mehrere Jahre ist.

Und wenn ich mir vorstelle, ich würde so ein Unternehmen leiten und wüsste nicht, ob und wo ich meine Leute in 10 Jahren einsetzen kann bzw. was ich mit den Fahrzeugen anfangen soll, würde ich mir, zumindest als kleineres Unternehmen, jede Ausschreibung sehr gut überlegen.

Tatsächlich gelangen auch immer mehr Fahrzeuge auf „Halde“, nicht nur ausschreibungsbedingt, sondern beispielsweise durch Wegbrechen von Aufträgen, auch durch „Kundenvertreibung“ hervorgerufen, bei der Gütersparte der Deutschen Bahn werden funktionstaugliche E-Loks verschrottet.

Dabei waren und sind Eisenbahnfahrzeuge – großteils ja immer noch – langlebige Produkte.

Erich Klinger, 11. Februar 2020

Zuletzt geändert am 11.02.20, 10:36 Uhr

Zu hören am Di 17. Mär 2020 / 19 Uhr

Schreibe einen Kommentar

Kommentare werden von der Redaktion moderiert. Es kann daher etwas dauern, bis dein Kommentar hier erscheint. Wir behalten uns vor, diskriminierende oder diffamierende Kommentare, sowie solche, die straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, zu entfernen.