Geschichte wird gemacht!

Bei den ersten Berichten, dass die austretende Radioaktivität aus Fukushima Tokio erreicht hat, habe ich mich an eine Bekannte gewandt, die dort mit ihrer Familie lebt. Ich habe ihr angeboten mit ihrer Familie nach Österreich zu kommen und einstweilen bei mir einzuziehen, bis man das Ausmaß der Katastrophe absehen könne.

Miho-San hat dankend abgelehnt. Als Krankenschwester müsse sie nun in Japan bleiben, um den durch Erdbeben und Radioaktivität betroffenen Menschen beizustehen (sie zu trösten, wie Miho es formulierte). Sie wisse, dass das Trinkwasser in Tokio verstrahlt sei, aber was solle man tun?
Dummheit, Sturheit, Heldenmut, Verantwortungsbewusstsein oder Verblendung? Ich trau‘ mich nicht, das zu entscheiden. Ich hätte Miho ganz einfach lieber DA (in meinem eigenen kleinen Leben), als so DORT (in der Katastrophe) zu wissen.

In arabischen Ländern finden Umgestaltungen statt, die nicht nur Anlass zu Hoffnung auf mehr Demokratie geben.

Es geht derzeit zweifellos rund auf der Welt. Und es stellt sich wieder verschärft die Frage, was das alles mit einem selbst zu tun hat? In welcher Weise tritt man in Kommunikation mit all den historisch sicherlich bedeutenden Zeiterscheinungen und wie viel davon lässt man in sein Leben? Nicht nur, dass in Japan die Erde bebt und die „friedliche Nutzung der Kernenergie“ verheerene Auswirkungen zeitigt. In einigen arabischen Ländern finden Umgestaltungen statt, die nicht nur Anlass zu Hoffnung auf mehr Demokratie geben. Sind es doch die ersten Revolutionen, die unter den Bedingungen einer voll entfalteten neoliberalen Ordnung von Wirtschaft und Politik stattfinden. Hier wird hinter den Kulissen politischer Umgestaltungen heftig um die besten Stücke der jeweiligen Nationalökonomie, um Einflusssphären und Marktanteile gerungen. Ein Vorgang, wie er von Naomi Klein in ihrem Buch Die Schock-Strategie bereits für das Ende der Apartheid in Südafrika (1994) gut beschrieben wurde. Während die Welt auf die politischen Veränderungen (allgemeines Wahlrecht, Ende der Rassentrennung usw.) blickte, wurden im Hintergrund die wirtschaftlichen Verhältnisse so gestaltet, dass die ökonomischen Eliten ihre Macht behalten konnten.

Für die arabischen Staaten ist zu erwarten, dass mit dem Ende der Despotenregime auch letzte Hemmnisse für die Durchsetzung neoliberaler Verhältnisse beseitigt werden. Und hierzulande? Da wünschen sich, einer Umfrage des Linzer Market-Instituts zufolge, 43% der ÖsterreicherInnen, dass die FPÖ ab 2013 in der Regierung sitzt und die große Koalition hat mit dem
kürzlich beschlossenen Fremdenrechtspaket nun alle Forderungen des Österreich zuerst-Volksbegehrens der FPÖ aus dem Jahr 1993 erfüllt. Forderungen die damals als so abstoßend empfunden wurde, dass es zur größten Demonstration der Zweiten Republik kam, dem so genannten Lichtermeer mit etwa 300.000 TeilnehmerInnen.

Damit wir uns nicht immer auf unsere gefühle verlassen müssen Als offener Geist weiß man kaum noch, mit welchem dieser bedeutenden Themen (und es gibt noch mehr) man sich zuerst beschäftigen soll. So ist man immer wieder versucht einfach aus dem Bauch heraus zu handeln, weil eine gründlichere Analyse – auch auf Grund mangelnder Information durch die Medien – oftmals nicht möglich erscheint.

Damit wir uns aber nicht immer auf unsere Gefühle verlassen müssen, sondern verstärkt unseren Kopf zu Hilfe nehmen können, um Erscheinungen zu deuten, wird sich Radio FRO 105.0 MHz in nächster Zeit verstärkt wirtschaftspolitischer Fragestellungen annehmen. Teil dieses Vorhabens ist die Berichterstattung über die Sommerakademie des Instituts für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE), die von 23. bis 25. Juni in Steyregg stattfinden wird und die von Radio FRO mitveranstaltet wird. Es soll dabei um „offene Geheimnisse des Kapitalismus“ gehen.

Schwerpunkt dieser Ausgabe ist aber das Festival der Regionen, das vom 22. Juni bis 3. Juli in Attnang-Puchheim (nur 30 Zugminuten von Linz entfernt) stattfinden wird.

Die vier Freien Radios aus Oberösterreich und das usergenerierte TV-Projekt dorfTV werden während der gesamten Festivalzeit gemeinsam ein offenes Studio am Rathausplatz in Attnang-Puchheim betreiben. Gäste und Mitmachende sind allzeit willkommen.

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Andi Wahl ist Geschäftsführer von Radio FRO, liebt Marillenknödel und leitet ein Oral-History-Projekt der Medienkarawane.

Zuletzt geändert am 16.07.12, 00:00 Uhr

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