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Zur Notwendigkeit frei zugänglicher Online-Archive

von Johannes Wilms ///
Rescue - Reproduce - Replay
Als „Gedächtnisorganisationen“ der jüngeren Menschheitsgeschichte geben Archive ein reichlich universales Thema ab. Daher erlaube ich mir, mich der Frage nach zeitgemäßen Archiven in einem weiten Bogen anzunähern.

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„Sich mitzuteilen ist Natur […].“ Johann Wolfgang von Goethe
„Ja?“ Alexander Kluge

Was wir – „wir“ im Sinne einer technisch und medial organisierten Menschheit – gerade erleben, erscheint – wie die gesamte neuere Geschichte – im Zeitraffer. Wie im Fast-Forward-Modus einer Bandmaschine rasen die letzten 500 Jahre des Kapitalismus, die Hauptkonflikte und Widersprüche von 500 Jahren Kapitalakkumulation und -zirkulation vorbei. Sei es in Bezug auf das Thema Geistiges Eigentum oder in Bezug auf das Thema Banken, sei es im Hinblick auf Lizenzierung und Nutzung von Monopolen, auf Schürfrechte und Inselstreitigkeiten, im Hinblick auf Zentralisierung und Macht oder auf Zensur: Es ist eine Wiederholung „auf Speed“, gegeben als ein in Medien gekleidetes Kostümfest des Weltgeists. Sie wissen schon: Geschichte wiederholt sich nicht. Und wenn, dann nur als Farce – wie Hegel vergessen hatte irgendwo zu bemerken. Nun, Marx‘ „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ bleibt ein erstaunlich aktueller Text.

In den Industriestaaten tauchen dabei zur Zeit zwei Konfliktfelder auf, die in den Tigerstaaten nicht oder nur wenig relevant sind: zum einen die wahlweise als Staatsverschuldung oder als Schuldenkrise drapierte Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums und zum anderen die in Urheberrechtsdebatten verdampften Verwertungsinteressen der Inhaber von intellectual property, von Geistigem Eigentum. Wer jetzt den guten Proudhon aus dem Keller seiner/ihrer versandeten Bibliothek hervorholt und akzentarm aber gut vernehmlich „la propriété intellectuelle c‘est le vol intellectuel“ (das geistige Eigentum ist der geistige Diebstahl) sagt, bekommt bis zum Ende des Artikels lesefrei.
Ansonsten ist die Erfindung eines Geistigen Eigentums im 19. und 20. Jahrhundert wahrscheinlich so originell gewesen wie im 15. und 16. die Erfindung von Monopolbriefen und im 17. und 18. Jahrhundert jene des Papiergelds. Über letzteres schreibt Marx im Kapital: „Um dieselbe Zeit, wo man in England aufhörte, Hexen zu verbrennen, fing man dort an, Banknotenfälscher zu hängen.” (MEW 23, 783) Nun gibt es heute einige, die sogenannte Raubkopierer vielleicht nicht gleich hängen würden, in sogenannten Urheberrechtsverletzungen aber ähnliche Verbrechen sehen, wie ihre Ahnen im 17. und 18. Jahrhundert im Nachahmen des physikalischen Trägers von virtuellem Reichtum, sprich: von Papiergeld.


Heute: Raubkopie – 18 Jh.: Ausdruck der Buchdruckblüte

Das alles zu einer Zeit, wohlgemerkt, da kopieren und drucken „in” war: Allein zwischen 1760 und 1780 entstanden im deutschsprachigen Raum ca. 300 Logen und zusätzlich ca. 300 Lesegesellschaften. In dieser Zeit kamen massenhaft Bücher auf die Märkte, die in Mantel- und sogar Jackentaschen passten. Und obwohl oder gerade weil die meisten Bücher, die damals zirkulierten, nach heutigen Maßstäben Raubkopien waren, waren sie Ausdruck einer Blüte des Buchdrucks und des Buchhandels, der seinerseits maßgeblich zur Literarisierung beträchtlicher Teile der Bevölkerung beitrug. Vor der Einführung der Titulargewalt Geistiges Eigentum (siehe hierzu: das Interview mit Eckhard Höffner unter www.heise.de/tp/artikel/33/33092/1.html) konnte man mit Bücherwaren (Aufklärung und Unterhaltung) gutes Geld machen. Und wahrscheinlich hätte es ohne die Raubdrucke des 18. Jahrhunderts weder die LeserInnen noch die Autoren der Weimarer Klassik gegeben.

Die Autoren des Pirate Cinema Berlin sahen 2004 im Filesharing eine nachgerade zivilisatorische Volte: „[…] was die Filmindustrie derzeit so sehr in Panik versetzt, ist weniger die Befürchtung, die Zahlungsmoral ihrer Kundschaft nehme durch das massenhafte Rauf- und Runterladen digitaler Filmkopien Schaden, als vielmehr die Aussicht auf einen gesellschaftlichen Zustand, in dem Millionen von Menschen über Bilder verfügen und diese selbst zu Filmen zusammensetzen, in denen etwas sichtbar würde, das sich weder absehen noch kontrollieren ließe […]” (http://berlin.piratecinema.org/screenings/20041010).

Wo piracy drauf steht, ist also oft e-literacy drin. Wahrscheinlich gibt es in Österreich und im Rest von Europa mehr Computer als Automobile. Und die Zahl derer, die auch nur rudimentär mit einem Computer, einer Playstation oder wenigstens mit einem Mobiltelefon umgehen können, dürfte inzwischen so groß sein wie die Zahl derer, die überhaupt lesen und schreiben können. Dennoch gibt es allerorten, in allen Schichten, Klassen und Altersgruppen einen Grad von Beschränktheit, der die Nutzung der Universalmaschinen „Computer“ begleitet und sich bestenfalls im Begriff „User” widerspiegelt. Daher kann die Forderung nach einer emanzipierten Medienaneignung nicht hoch genug gestellt werden. E-literacy wäre also ein Gebot der Stunde – und zwar rund um die Uhr.

Reihe von Behauptungen

Zur e-literacy gehört, über Produktionsmittel (z.B. Laptop, Software,…) verfügen zu können sowie über Material, über Content. Das Internet erscheint hier zunächst als eine ungeheure Content-Sammlung – der auch Online-Archive angehören. In einer „Reihe von Behauptungen“ schrieben die Autoren des Pirate Cinema Berlin 2005 u.a.:

– dass Archive keine Privatangelegenheit sind, sondern öffentlich und damit produktiv gemacht – sowie massenhaft verteilt und gespiegelt – werden müssen

– dass es ein selbstverständliches Recht zu kopieren und kopiert zu werden gibt, das jedes Urheberrecht außer Kraft setzt und auf das sich jeder berufen kann

– dass es Formen von Produktion gibt, die nicht erst beim Gewerbeaufsichtsamt, bei der GEMA oder bei der Kulturstiftung des Bundes beantragt werden müssen

– dass die Filesharing-Netzwerke in den letzten Jahren zum größten, besten und am einfachsten zugänglichen Filmarchiv der Menschheitsgeschichte geworden sind

– dass Filesharing eine der am wenigsten aussichtslosen, regressiven oder in ihrem eigenen Bild restlos aufgehenden sozialen Bewegungen der Gegenwart ist

– dass der Krieg gegen Piraterie wie der gegen Drogen und der gegen Terror nicht geführt wird, um gewonnen zu werden, sondern allein, um geführt zu werden

– dass Copyrights keine Frage der Gesetzgebung, sondern der Rechtsprechung sind, und es daher nicht um Prinzipien, sondern um das Herstellen von Fällen geht.

Seinerzeit beließ es das Pirate Cinema Berlin nicht bei diesen Behauptungen, sondern lieferte in mehr als hundert Vorführungen mit begleitenden theoretischen Exkursen und schließlich dem fabelhaften Internet-Archiv 0xdb.org den ”proof of concept” einer substanziell anderen kulturellen Produktion – jenseits des „Öl des 21. Jahrhunderts“, des Geistigen Eigentums.

Auch wenn Filesharing gegenüber zentralisierten Diensten wie Youtube an Terrain verloren haben dürfte und wiewohl diese Behauptungen vor gut sieben Jahren geschrieben worden sind, zeigen sie doch eine verblüffende Aktualität. Vielleicht gilt hier, was Horaz allgemein über gute Texte schrieb: Dass sie sieben Jahre liegen bleiben müssten, bevor ihre Verfasser wüssten, ob und wie gut sie seien. Apropos Horaz und Weltkulturerbe: Das Internet bietet die technologischen Voraussetzungen, das Weltkulturerbe in so mannigfacher Weise abzubilden, dass wir noch nicht einmal einen Begriff davon haben, wie das auch in nur 10 Jahren aussehen könnte.


Erhalt unabhängiger Infrastrukturen

Die negative Utopie ist jedenfalls ein Internet, das keines mehr wäre, weil ein ähnlicher Grad von Zentralisation erreicht wäre wie bei anderen elektronischen „one to many“-Medien auch; wenn das Internet ein raffiniertes Fernsehen On-Demand, wenn ein Web 3.0 mit einem TV 2.0 identisch geworden wäre. Angesichts dieser schlechten Vergesellschaftung erhellt sich, warum der Erhalt und der Ausbau dezentraler, unabhängiger Infrastrukturen so ungeheuer wichtig geworden ist.

Zwar hat das sogenannte Web 2.0 zu einer Vermassung kontributiver Formen der kulturellen Produktion geführt, aber eben auch zu einer ungeheuren Zentralisierung der Dienste und Marken (in alphabetischer Reihenfolge: Amazon, Facebook, Google, Twitter, Ustream, Yahoo, Youtube). Wobei zur jüngeren Geschichte der politischen Ökonomie des Internets auch die Zentralisierung der technischen Infrastrukturen selbst gehört, d.h. die Konzentration, wo nicht Oligopolisierung, der Internetdienstanbieter; ganz zu schweigen vom sogenannten Mobilfunkmarkt, der nie nennenswert diversifiziert war.

Wenn in der herrschenden Tendenz die dezentrale Anlage von Online-Archiven schon nicht technisch geboten scheint, so doch wenigstens die Redundanz der Datenspeicher. Redundanz ist das Mantra der Ausfallsicherheit. Quelloffene Formate (z.B. ogg-vorbis oder ietf) sind eine unbedingte Voraussetzung der – für Archive unbedingt gebotenen – Nachhaltigkeit. Dezentralisierung, Redundanz und Quelloffenheit sind sozusagen die Troika einer demokratischen und ökologischen Nutzung von Archiven im Internet.

Vor diesem Hintergrund wird es spannend zu fragen, wie es mit dem Wissen und den Künsten ausgehen wird – in Zeiten, in denen (in einem bis vor kurzem unvorstellbarem Maße) digitale Produktionsmittel in die Hände der Massenkultur geraten sind und ihrer emanzipatorischen Aneignung harren.
Der „Kampf ums Urheberrecht“ (wetterfrosch, in Datenschleuder 20, ccc.de) fällt hier als ein Kampf „avant la lettre“ (als eine Vorleitung auf Zukünftiges) aus, denn es geht – wie Thomas Diesenreiter vom CBA anlässlich der Konferenz ARCHIVIA bloggte –um nicht weniger als die Frage, „nach welchen Regeln wir unser Wissen erzeugen, archivieren und wieder weitergeben.“ (diesenreiter.at/archivia2012)

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Johannes Wilms ist Mitglied von bootlab.org sowie Mitinitiator verschiedener Radioprojekte, u.a. mikro.fm und colaboradio. Er lebt in Berlin.

Zuletzt geändert am 22.10.12, 00:00 Uhr

Silke Müller

Verfasst von Silke Müller

Ein Duett aus Radiofeature-Produktion und Illustrationsausstellung hat mein Kommunikationsdesign und Medienstudium abgeschlossen. Seit dem beschäftige ich mich mit der großen, künstlerischen Radioform "Feature", mit Reportagen und Interviews mit KünstlerInnen und Kulturschaffenden.

Ich bin freischaftende Illustratorin für Plakate - zum Beispiel für Radio FRO - Zeitungen, Magazine, Bücher und Ausstellungen. Radiohören geht beim Zeichnen wunderbar.

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