"Entsprechen oder Nicht-Entsprechen:
Eigentlich begreife ich mein Frausein als selbstverständlichen Teil
meines Ichs, als Teil meiner Person beziehungsweise
Persönlichkeit.
Es ermöglicht mir Dinge zu tun, die biologisch, soziologisch oder
sonst wie bedingt sein können. Ich kann diese Dinge tun, muss
aber nicht - zum Glück.
Da ich um einiges größer bin, als die durchschnittliche
österreichische Frau, kenne ich das Gefühl der Minderwertigkeit,
der Andersartigkeit, schlicht des Nicht-Entsprechens. Durch
manche Privilegien in meiner Biografie- wie autochthon, weiß,
ökonomisch abgesichert- konnte ich aus diesem „Makel“ allerdings
eine Stärke ziehen. Wenn man das Anderssein akzeptiert, ist es ein
Geschenk, eine Freiheit: nicht sein zu MÜSSEN, wie die anderen.
Das hat was mit Frausein zu tun, aber auch mit Menschsein. Ich
muss mich nicht den gesellschaftlichen Normen einer weiblichen
Rollenzuschreibung beugen. Allerdings kann ich auch
entsprechen, wenn ich Lust dazu habe. Kann damit spielen. Das
schätze ich sehr. Manchmal fehlt mir aber auch der Mut
Erwartungshaltungen zu brechen.
Generell denke ich, wäre eine Loslösung vom binären
Geschlechter-Rollenkonstrukt, also diesem Frau-Mann-Ding, für
uns alle eine Erleichterung, eine Befreiung. Schlussendlich dient es
vor allem als systemische Stütze des Kapitalismus. Ohne der
unbezahlten Care-Arbeit von Frauen und den niedrigeren Löhnen
von frauenspezifischen Berufssparten wäre unser kapitalistisches
Wirtschaftssystem nicht aufrecht zu erhalten.
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Die Grenzen der Freiheit:
Tatsächlich bewußt wurde und wird mir mein Frausein tendenziell,
wenn ich an die Grenzen dieser beschriebenen Freiheit stieß oder
stoße- oft bedingt durch Männer.
Männer, die sich bedroht fühlen von mir zum Beispiel und sich und
ihr Ego dann an mir abarbeiten glauben zu müssen. Männer, die ihr
Menschsein nicht im Griff haben. Mit Menschsein meine ich, die
Menschenrechte zu praktizieren oder es zumindest anzustreben:
Männer, die ihre körperliche Kraft oder ihre nach wie vor soziale
Vormachtstellung nutzen, um mich und mein Frau- und
Menschsein einzuschränken. Männer, die ihre Libido nicht im Griff
haben.
Dies waren und sind schmerzvolle Erfahrungen. Und es ist
schmerzvoll, dass wir von Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit
von allen Menschen- egal welchen Geschlechts- oder
Nichtgeschlechts, egal welcher Hautfarbe, egal welcher
Nationalität oder welchen Glaubens- trotz unseres andauernden
Friedens und Wohlstands hier in Österreich, noch so weit entfernt
sind.
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Vive l’égalité!
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Vieles hat sich zumindest in meinem Lebensumfeld in den letztem
Jahrzehnten verbessert. Ich bin davon überzeugt, dass wir es
gemeinsam - Frauen* und Männer*- schaffen können, uns hier
noch entscheidend weiter zu entwickeln. Dies wird für alle ein
Gewinn sein. Denn mehr Gerechtigkeit kann eine Gesellschaft nur
bereichern.
Es braucht Wachsamkeit und klare Worte, denn Frauenrechte,
Menschenrechte müssen stets verteidigt, um nicht demontiert zu
werden!
Es braucht Mut - jeden Tag aufs Neue, sich gegen Unrecht und
Ungerechtigkeit zu wehren, sie zu benennen, zu bekämpfen und
sich auch in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung damit
auseinander zu setzen.
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Vive l’égalité! Es lebe die Gleichberechtigung!"
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