Kunst und Kultur
Seltsam, im Nebel zu stochern. Oder
unter dem Teppich nachzuschauen, was da schon so lang
drunter gekehrt wird.
Oder doch nicht? Die Generation der Nachkriegskinder ist mit erheblichen
Leerstellen im Familiengedächtnis aufgewachsen. Mit
Auslassungen,
Umdeutungen und
Tabus in der Erinnerung.
Thomas Andreas Beck allerdings macht sich
auf die Suche nach genau diesen
unterbewussten Strömungen,
die unsere Welt nach wie vor prägen, sowohl in der
gesamten Gesellschaft als auch in der
Persönlichkeit jedes einzelnen. Und dabei geht er
dorthin,
wo es wirklich weh tut, nämlich in sich selbst. Auf seinem Album
“Ernst” (das wir heute vorstellen)
verschmilzt er
dieses Innen mit
dem Außen zu einer ausgewogenen
Wahrnehmung des Weltwahnsinns, der in und um uns wütet.
Vor einem Monat präsentierte er sein aktuelles Buch
“Der Keller ist dem Österreicher sein Aussichtsturm” in der
matchBox in Schallmoos und dabei wurde ich von zwei Songs aus besagtem
Ernst in eine mir ebenso unbekannte wie wohlvertraute Welt versetzt.
“Das ist Ambivalenz! Das ist große Kunst!”, jubelte ich in mir drin und beschloss gleichauf,
diese Bewusstseinserweiterung, für die man nicht einmal Drogen nehmen muss, auf dem
kreativen Hörweg mit euch zu teilen. Denn wie bereits
John Peel von der BBC feststellte:
“Radio is and always will be a more powerful medium than television because it allows the imagination of the listener to flourish.” Es waren die Titel
“Strones” (ein Lied über den absichtsvoll in die Versenkung verschwundenen Geburtsort von Hitlers Vater am Truppenübungsplatz Allentsteig) sowie
“Deponie” (eine Zeitreise in die eigene Kindheit – was auf mehreren Ebenen zugleich funktioniert, nämlich, weil es die Kindheit von vielen von uns berührt).
Dann ist mir noch
etwas völlig Unerwartetes passiert (und es sind ja oft die Dinge, die
“einfach passieren”, die einem wie von selbst neue Sichtweisen eröffnen). Ich nenne es jetzt einmal
“Kreatives Verhören” (im Sinne von “da hab ich mich wohl verhört”). Aus dem Nebenraum hörte ich eine Nummer vom Album
“Ernst” mit
einem einzigen veränderten Buchstaben, wodurch
aus der eigentlichen Aussage jeder Textzeile eine Frage entstand und
ich das gesamte Lied als eine “offene Frage” auffasste, deren Antwort sich erst
durch seinen Titel ergab. Hier die von mir
“verhörte” Version:
Was frisst die Seele auf
Was macht dich hin
Was macht dich deppad
Viel deppader als sie
Was macht dich ängstlich
Was macht dich lieblos
Was macht dich neidig
Was macht dich blind
Was macht dich einsam
Was macht dich stumpf
Was macht dich starr
Was macht dich traurig
Was macht dich bitter
Was macht dich giftig
Was macht dich süchtig
Was macht dich krank
Was macht dich dunkel
Was macht dich brutal
Was macht dich gefährlich
Was macht dich mächtig
Was frisst die Seele auf
Was macht dich hin
Was macht dich tot
Viel toter als sie
Hass
Thomas Oberender empfiehlt: “Hören sie genau hin …”
PS. Um jedweder
Velwechsrung von vorn herein (und auch im nachhinaus) vorzubeugen: Das oben abgedruckte ist die auf meinem
“kreativen Verhören” basierende Version.
Der originale Songtext ist allhier nachzulesen.