Kunst und Kultur
Es war einmal eine Zeit, in der man
den Übergang von
alten,
bösen Zuständen in
neue,
bessere Zukünfte förmlich
zu riechen und
zu schmecken glaubte.
Nie wieder sollten irgendwelche hoffnungslos
rückwärtsgewandten Trottel mit ihren wahnsinnigen Ideologien die Welt in
Krieg und
Zerstörung stürzen.
Vielmehr sollte
ein neues Zeitalter der
friedlichen Entwicklung anbrechen und mit der Zeit
alle Ursachen von Ungerechtigkeit und Unterdrückung auf der ganzen Welt überwinden.
Halleluja! In Griechenland begannen drei Freunde damit,
psychedelische Popmusik herzustellen.
Sie nannten sich Aphrodite’s Child und feierten
erste Erfolge, als ein paar hoffnungslos
rückwärtsgewandte Trottel dort
eine Militärdiktatur einführten und so
jeglichen künstlerischen Freiraum abwürgten.
Kein Wunder, dass unsere Freunde sich (gemeinsam mit vielen anderen Regimegegnern)
vor den Gefahren des Gefoltertwerdens erstmal in Sicherheit brachten, auch um
ihre progressiven Musikprojekte weiter
unzensiert vorantreiben zu können. Sie gelangten
auf verschlungenen Wegen nach Paris und spielten dort das
Konzept-Doppelalbum 666 ein, das bis heute als
wegweisend und stilbildend für die gesamte Zeit des
Progressive-Rock gilt. Ungeachtet all seiner Entstehungsumstände (es wurde zum Beispiel
im legendären Europa Sonor Studio aufgenommen, wo
Pink Floyd später ihren Klassiker
Dark Side Of The Moon herstellten) ragt
das Meisterstück von Aphrodite’s Child weit über
die Zeit seiner Entstehung hinaus – auch
bis in unsere Zeit hinein.
Warum? Weil es die
Bilder der Apokalypse des Johannes (Offenbarung) und somit das
“Ende der Welt” zum Thema hat – und diese an sich schon
verstörenden Motive mit
verschiedensten Stilmitteln in zugängliche Zeitlosigkeit “übersetzt”. Weil es dabei
von vorn herein ein offenes Ende hat und dadurch
der Phantasie des Publikums freien Lauf lässt.
Weil es uns
keine “richtigen” Deutungen und Bedeutungen aufdrängt. Weil es
nicht mit irgendeiner Weltsicht
missioniert, stattdessen
diese Flut von surrealen Bildern in
künstlerischer Überdrehung derart auf uns
einprasseln lässt, dass, wenn überhaupt,
Deutungsmöglichkeiten in unserer Vorstellung entstehen, aber halt immer
mehrere. Wenn Griechen
sich an biblischen Themen abarbeiten – wer erinnert sich da nicht an
Nikos Kazantzakis’ Roman “Die letzte Versuchung” und an seine
skandalumwehte Verfilmung von Martin Scorsese mit Willem Dafoe als Jesus? –
Ich schweife ab …
Damit mir das
in der Sendung nicht passiert, oder aber
erst recht, je nachdem, habe ich den Musikschichtenforscher und Assoziationsexperten
Andreas Woldrich von der löblichen
Sendereihe “Battle & Hum” als Gesprächsgast eingeladen. Und das kann
dem diesmaligen Thema,
das ein in sich vielfaches ist,
auf jeden Fall nur gut tun!
Einige Hintergründe zu den oft
verstörenden Abgründen auf diesem Album finden sich
auf dieser Vangelis Papathanassiou gewidmeten Seite. Wir wissen auch nicht,
welche Apokalypse gerade stattfindet
und ob sie echt ist oder Theater.
Oder wie …