14a5d28feaa5c0c789ffd5caf7d49138.jpg

Renaming Media

Herausforderungen Europäischer Medienpolitik im Zusammenhang mit Migration und Diversity: Mit „RENAMING Media“ stellt Radio FRO die Frage, wie aktuelle medienpolitische Diskurse zu Migration auf europäischer Ebene stattfinden und welche Rolle Medien in diesem Zusammenhang spielen. „RENAMING Media“ bietet Reflexionsraum um die Konstruktionen und Prozesse in der Medienproduktion auf nationaler und europäischer Ebene zu beleuchten und wirft einen Blick auf die Medieninitiativen, die sich diesem Spannungsfeld stellen.

Die spürbaren Effekte der Globalisierung – erhöhte Mobilität, internationale Kommunikation, zunehmende Mediatisierung, globale Konnektivität und kollaborative, interdisziplinäre und transkulturelle Kulturproduktion, Arbeitsweisen und Vernetzungen – haben in den letzten Jahren auch Debatten zu kollektiven Identitätskonstruktionen innerhalb der europäischen Gesellschaften in den Vordergrund gerückt. Die Auseinandersetzungen mit ethnischen, nationalen oder auch europäischen Identitäten und ihren zugrunde liegenden Werten und historischen Voraussetzungen bestimmen nicht zuletzt auch die Debatte um eine europäische Gesellschaftsutopie und aktuellen Herausforderungen in europäischen Gesellschaftsentwicklungen.[1]

Gleichzeitig halten in den EU-Mitgliedsstaaten populistisch-autoritäre Politiken Einzug, die versuchen, Ideen einer nationalen, kulturellen Identität zu etablieren, den nationalen Zusammenhalt zu stärken und die Abgrenzung der eigenen Kultur zur fremden zu kultivieren.[2] Diese leitkulturellen Auseinandersetzung mit sozialen, gesellschaftlichen  und kulturellen Entwicklungen spiegelt die Diskrepanz zwischen diversifizierter gesellschaftlicher Realität und dem vorherrschenden hegemonialen Kulturverständnis der Mehrheitsgesellschaften, das seine zugewanderten MitbürgerInnen nur duldet. Diese gesellschaftlichen Konstellationen, der die Politik mit immer größerer Ohnmacht gegenübersteht und der politische Reaktionsrahmen der zusehens auf restriktive Normierungsverfahren in der Migration beschränkt wird und ausschließlich auf wirtschaftliche und sprachliche Integration abzielt, fordert die politische Verantwortung sowie Gegenstrategien der Zivilgesellschaft ein.

MigratInnen als Objekt massenmedialer Produktion

Sichtbar wird dieser Zustand beispielsweise an der medialen Repräsentation von MigrantInnen in den Medien, die europaweit mehrheitlich von Zuschreibungen wie Gewalt, Kriminalität, Armut und Rückständigkeit geprägt ist. Die Mainstreammedien begleiten diese politischen Agitationen nicht nur, sondern konstruieren sie mit Aussagen, Texten und Bildern selbst mit. Damit stützen sie diese politische Dynamik und verursachen strukturelle Exklusion und sich verschärfende Xenophobie mit.

Betrachtet man die Medienlandschaft unter dem Gesichtspunkt kultureller Diversität, so verstärkt sich der Eindruck, dass Mainstreammedien sich ausschließlich in einem Rahmen bewegen, dessen Grundlage die Berichterstattung über MigrantInnen ist und MigrantInnen als Objekt der Berichterstattung mit stereotypen Mustern behaftet sind[3]. Trotz eines Bevölkerungsanteils von Menschen mit migrantischem Hintergrund von durchschnittlich 20% in europäischen Gesellschaften manifestiert sich dadurch gerade in der massenmedialen Produktion jener soziale und gesellschaftliche Abstand zwischen Einheimischen und Menschen mit Migrationshintergrund, der für diese Gesellschaften typisch ist.

In der Medienproduktion spielen Menschen mit Migrationshintergrund keine nennenswerte Rolle. Dieser Umstand, dass große Teil der Bevölkerung keine gesamtgesellschaftlich vernehmbar Stimme besitzen stellt den demokratischen Grundkonsens europäischer Gesellschaften infrage und führt zwangsläufig zu einer Legitimationskrise der Politik.  Die Medienlandschaft europäischer Gesellschaften benötigt, auf Grund ihrer Barrieren für MigrantInnen und der Abhängigkeit von vorgefassten Meinungen, einen grundlegenden Umbau. Dabei muss vor allem auf die Repräsentation von MigrantInnen in der Medienproduktion bedacht genommen werden. Es wäre aber „weltfremd zu glauben, man könne die Einwanderer ganz einfach einfügen in die bestehenden Strukturen.“[4]. Die Medien und ihrer Produktionsbedingungen werden sich verändern müssen und sich den viel zu lange ignorierten Bedingungen anpassen. Dieser Wandel ist nicht nur eine Überlebensfrage der Medien, sondern eine Kernfrage all jener Gesellschaften die auch weiterhin als demokratisch gelten wollen. Vor allem politische Institutionen müssen in diesem Wandel eine Aufgabe erkennen, die sich auch als Vorbedingung für ihr eigenes Überleben erweisen wird.

Herausforderungen einer europäischen Medienpolitik

Die Konsolidierung und Ausformulierung von konservativ – populistischen Gesellschaftsmodellen wird von der vorherrschenden massenmedialen Realität verstärkt und durch eine allgegenwärtige Praxis einer sich stetig ausdifferenzierenden transkulturellen Realität, der europäischen Gesellschaften konterkariert. Entgegen diesen Entwicklungen lassen sich auf nationaler Ebene seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts im gesamten europäischen Raum Initiativen verorten, die sich einer zugangsoffenen Medienproduktion verschreiben und hier die ersten Schnittstellen für MigrantInnen zu Medien zur Verfügung stellen[5]. Diese Entwicklungen flankieren europäische Projekte, die sich darüber hinaus den Fragen eines gesamteuropäischen Medienprojekts stellen und MigrantInnen nicht als Objekt der Berichterstattung verstehen, sondern diese Projekte als partizipative Schnittfläche für und von MigrantInnen in einer sonst hegemonial konstruierten Medienstruktur gestalten.[6]

Auf nationaler Ebene wird der Rolle der Medien als Vehikel von Rollenbildern und Stereotypen kaum Beachtung geschenkt und der politische Diskurs zum Thema Migration und Integration, wird durch den Wahn zur Integration gelenkt, obwohl gerade hier eine ausgereifte medienpolitische Strategie angebracht wäre, spielen Medien in  diesem Zusammenhang kaum eine Rolle.[7] Die Politik lässt hier schlüssige Strategien vermissen, wie migrantische Gruppe eingebunden werden können.

Die gegenwärtigen Bemühungen auf EU – Ebene europaweite Medienprojekte zu initiieren, lassen eine neue Form der Auseinandersetzung mit migrantischer und europäischer Medienproduktion erahnen, dennoch sind die Grundlagen und Ziele solcher Projekte zu hinterfragen.[8] Werden alternative Optionen und Angebote für eine neue europäische Medienlandschaft geboten? Werden hier Bedingungen grundgelegt, die auf eine offen operierende und gestaltbare Medienlandschaft schließen lassen, in der MigrantInnen als AkteurInnen in den Medienproduktionsprozess eingreifen und ihn mitgestalten können? Deuten diese Interventionen eine neuen europäische Idee an, eine europäischen Identität, die sich jenseits von Public Relations Maßnahmen versteht und eine Reflexion europäischer Gesellschaftsmodelle ermöglicht? Und mit welchen Herausforderungen sieht man sich auf nationaler Ebene konfrontiert, wo Politik sich selbst als HüterIn nationaler Identitäten und Werte versteht?

Text: Ingo Leindecker, Alexander Vojvoda, Andi Wahl

Ein Projekt von
 

 fro
  Rado FRO 105.0 MHz
 
In Zusammenarbeit mit 
 aec
vfrö

 

 ARS Electronica Festival 2010  VFRÖ – Verband der Freien Radios Österreich
cmfe  cs 
 CMFE – Community Media Forum Europe  Connecting Systems

[1] Charles Husband/Tom Morning(2009)  Public Spheres and Multiculturalism in Contemporary Europe in Inka Salovaara-Moring(2009/Hrg.) Manufacturing Europe – spaces of democracy, diversity and communication, NORDICOM, S. 131

[2] Ljubomir Bratic  Der Konsens im vermeintlichen Dissens . MigrantInnen als Objekte rassistischer Wahlkämpfe – und als Subjekt der Konfrontation in IG Kultur Österreich (2006/Hrg)., Kulturrisse (Nr. 3/2006), IG Kultur Österreich, S. 38 ff  

[3] In Österreich wird der medialen Marginalisierung von gesellschaftlichen Gruppen in der Charta der Freien Radios Österreich vom 12. Mai 2007 explizit Rechnung getragen vgl. http://www.freie-radios.at/article.php?ordner_id=27&id=194

[4] Terkessidis, Mark (2010): Interkultur, Surhkamp Verlag Berlin, S 8

[5] RTR GmbH (2008/Hrg.): 10 Jahre Freies Radio in Österreich, RTR GmbH, S. 69f

[6] Als Beispiel wäre hier das Projekt Babelingo – Gelebte Mehrsprachigkeit im Freien Radio  zu nennen http://www.babelingo.net/

[7] Nationaler Aktionsplan für Integration http://www.integrationsfonds.at/fileadmin/Integrationsfond/NAP/Nationaler_Aktionsplan.pdf

[8] Euranet als paneuropäisches Radio Netzwerk http://www.euranet.eu

Zuletzt geändert am 16.07.10, 00:00 Uhr

Silke Müller

Verfasst von Silke Müller

Ein Duett aus Radiofeature-Produktion und Illustrationsausstellung hat mein Kommunikationsdesign und Medienstudium abgeschlossen. Seit dem beschäftige ich mich mit der großen, künstlerischen Radioform "Feature", mit Reportagen und Interviews mit KünstlerInnen und Kulturschaffenden.

Ich bin freischaftende Illustratorin für Plakate - zum Beispiel für Radio FRO - Zeitungen, Magazine, Bücher und Ausstellungen. Radiohören geht beim Zeichnen wunderbar.

zur Autorenseite

Schreibe einen Kommentar

Kommentare werden von der Redaktion moderiert. Es kann daher etwas dauern, bis dein Kommentar hier erscheint. Wir behalten uns vor, diskriminierende oder diffamierende Kommentare, sowie solche, die straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, zu entfernen.