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Anna Lasser

Mit den Jahren wächst Solidarität

von Anna Lasser //
Randvoll mit Weltverbesserung und Solidarität“ ging Anna Lasser 2005 mit ihrem Mann und ihren Kindern nach Bolivien, um dort zu leben. Mehr als zehn Jahre später blickt sie in einem inneren Monolog auf einen langen Weg zurück, der sie vor allem gelehrt hat, sich selbst zurück zu nehmen und über sich selbst zu lachen.

17.02.2005. Plan 3000, ein barrio (Viertel) von Santa Cruz de la Sierra in Bolivien. Unmengen von Stimmen und Gesichtern, von denen du dir selbst nicht eingestehen willst, dass sie für dich alle gleich auszusehen scheinen. Genau so wenig wie man sich den Ekel vor den müllüberladenen, pestialisch stinkenden Straßen und Plätzen eingesteht, schon gar nicht die Panik vor Ansteckung, Krankheit, unheilbarer Infektion, Lepra… Ist man doch nicht bürgerlich, kleinlich oder nur auf sich bedacht!
Man ist randvoll mit Weltverbesserung und Solidarität (für Menschen, die man noch nie gesehen hat und deren Lebensbedingungen und Einstellung man nicht kennt). Erst im Bett, allein, der Maske des neuen Che Guevara überdrüssig, möchte man die selbst aufdoktrinierte Solidarität zum Teufel jagen. Die einzigen Sorgen gelten nun einer selbst, den eigenen Kindern und einem Flug nach Österreich.

Langsam unterscheidet man Gesichter

Innerhalb weniger Tage wechselt das Szenario vom Slum des Plan 3000 in den subtropischen Urwald, San Ignacio de Velasco, Richtung brasilianischer Grenze. Ein 4 x 8 Meter Lehmziegelbau mit Wellblechdach, darum ein halber Hektar Patio. Das bedeutet: kein Schatten, nur sonnenheißer roter Staub, der überall zu sein scheint. Im Bett, in den Kleidern, im Essen. Trinkwasser holt man vom fünf Minuten entfernten, aus zwölf Lehmhütten bestehenden Dorf, Wasser zum Baden, Waschen und Sonstiges, kommt aus dem fast ebenso weit entfernten Teich. Der Solarstrom reicht für ein paar Stunden Licht am Abend. Zu den uneingestandenen Ängsten kommen noch jene vor Schlangen, Taranteln, und nach einigen Monaten Reis, Mais und Bohnen, vor Skorbut. Langsam versteht man die ersten Brocken Katalanisch (und lernt auch, dass man hier nicht Spanisch spricht, sondern eben Katalanisch), lernt, dass das völlige Ignorieren der Hausfrau von Seiten des Besuchers ein Zeichen des Respekts dem Mann gegenüber ist, dass die Frau für alle Bereiche in der Familie zuständig ist, während der Mann diese repräsentiert. Man trinkt Mate am Feuer, während der Mond den Urwald rundum zu Scherenschnittmustern macht, und die Sterne greifbar nah erscheinen. Langsam unterscheidet man Gesichter, erkennt und versteht, und über die Monate wird aus der vorgenommenen Solidarität eine Auseinandersetzung mit der Umgebung. Es ist in jeder Hinsicht eine Umgebung der Extreme: das Klima, die schwere körperlicher Anstrengung, die Unterdrückung von Frauen, die unglaubliche Schönheit der Sonnenaufgänge, das erste Grün nach der Trockenzeit, Krankheiten, die Wassernot in der Trockenzeit, die einseitige Ernährung und Anderes zehren an den Nerven.

Es hat dich keiner gerufen

Erst geht deine Solidarität, dein hübsches Verständnis für alles Andere und vor allem für die Anderen in Wut unter, Wut über die scheinbare Beschränktheit dieser Menschen, mit der sie deine hilfreichen Beispiele ignorieren. Ihre Faulheit, die dreiste Unverschämtheit mit der sie sich zu eigen machen, was du als Deines oder von dir Geschaffenes betrachtest. Anstatt selbst den Hintern zu heben und für eine Verbesserung ihrer Lebenssituation zu sorgen. Fraglos würdest du ihnen da zur Seite stehen, hast das auch immer zum Ausdruck gebracht! Erst gelingt es dir, die Wut zu übertünchen, mit Verständnis und unzähligen Erklärungsversuchen. Nach anfänglicher Orientierung an Che neigt dein Selbstverständnis nun eher zu Mutter Theresa (zur Selbstverteidigung sei angemerkt, dass der religiöse Aspekt fehlt.) Aber den größten Teil deines Verständnisses brauchst du nun für dich selbst, da deine Umgebung, so scheint es, nicht das geringste Interesse hat, dich zu verstehen. Die Nachbarn, zu deren Verbesserung ihrer Lebenssituation, du so viel beitragen möchtest, leben einfach, dich völlig ignorierend, in den Tag hinein. Dein Mann, gefangen in seinem Kulturkreis und der täglichen Arbeit, hat nichts übrig für tiefsinnige Auseinandersetzungen. Sogar deine Kinder, zu neugierig, beschäftigt mit der neuen Umgebung, lassen dich links liegen.
Der Körper voll Krätzen, abgemagert bis zum Skelett, tritt nun die Wut offen zu Tage und zeigt sich ungeniert in Arroganz, Rassismus und europäischer Großkopfertheit.

Es ist nicht die politische Bildung, nicht Menschenliebe, sondern die Geduld deiner Mitmenschen, die dich innehalten und aufschauen lässt. Die Frauen, den Tag voll Arbeit, nehmen sich die Zeit, dir unzählige Male dasselbe Wort zu wiederholen. Neben ihren eigenen Töchtern bringen sie dir und deinen Kindern bei, wie man Wäsche in den kümmerlichen Wasserlaken, die in der Trockenzeit von den Teichen bleiben, spült, ohne Schlamm aufzuwirbeln. Wie man Palmblätter flicht, Maisgetränk kocht, die unzähligen Infektionen kuriert. Immer gerade in den Augenblicken, die am beschämendsten sind, in denen dich die Fremde auf das kleine hilflose Wesen zurechtstutzt, das du unter keinen Umständen sein willst, taucht jemand auf, ein Bekannter oder Unbekannter, zeigt dir wie man mit der Machete umgeht, die Kühe treibt, oder nimmt dich in einer Rostlaube mit, ins 27 km entfernte San Ignacio. Sie lehren dich zu sprechen, nicht nur eine neue Sprache, sondern auch darüber, was dich bewegt, helfen dir, mit deiner Einsamkeit und deinen Ängsten zurechtzukommen. Oft genug treten aber auch Risse zutage. Ihre Fremdenfeindlichkeit, deine Arroganz und Verbissenheit, ihre Unterwürfigkeit vor der Europäerin.
Aber mit den Jahren wächst eine Solidarität zwischen dir und den Menschen, deren Wert sich beide Seiten bewusst sind.

Ein weiter Weg für beide Seiten

Gemeinhin wächst man mit Solidarität zu der Klasse auf, in die man hineingeboren wird. Man entwickelt relativ leicht ein Gefühl der Solidarität gegenüber den Mitmenschen, mit denen man lebt oder arbeitet, die einem mehr oder weniger ähnlich sind (immer vorausgesetzt, man ist daran interessiert). Es fällt leicht, Solidarität Unterdrückten gegenüber auszusprechen und, soweit man kein Charakterschwein ist, auch danach zu handeln. Aber als Fremde solidarisch mit Menschen zusammen zu leben, die von Deinesgleichen Ausbeutung und Unterdrückung gewohnt sind, bedeutet für beide Seiten, sich selbst zu beobachten und sich von oft unbewussten Zugehörigkeiten zu befreien (Nationalität, Bildungsstand, Religion usw.). Es ist ein schmerzhafter Prozess, der oft das eigene Sein in Frage stellt, aber es ist diese Art Solidarität, die die ausgebeutete Klasse weltweit gegen die ausbeutende Klasse weltweit verbinden muss, weil es dir nicht gut gehen kann, wenn dein Bruder im Mittelmeer ersäuft, oder deine Schwester in Thailand auf den Strich geht. Die Unbequemlichkeiten, die eine Veränderung ihrer Lage für uns mit sich bringen, werden wir erst in Kauf nehmen, wenn wir auf die eine oder andere Weise gezwungen sind, ihr Leben, ihr Leiden, ihre Unterdrückung, ihre Kämpfe und hin und wieder ihre Siege zu teilen.

//Anna Lasser ist Keramikerin, Mutter und Revolutionärin.

Zuletzt geändert am 08.07.16, 00:00 Uhr

Silke Müller

Verfasst von Silke Müller

Ein Duett aus Radiofeature-Produktion und Illustrationsausstellung hat mein Kommunikationsdesign und Medienstudium abgeschlossen. Seit dem beschäftige ich mich mit der großen, künstlerischen Radioform "Feature", mit Reportagen und Interviews mit KünstlerInnen und Kulturschaffenden.

Ich bin freischaftende Illustratorin für Plakate - zum Beispiel für Radio FRO - Zeitungen, Magazine, Bücher und Ausstellungen. Radiohören geht beim Zeichnen wunderbar.

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