Liebe Damen, Herren und Transgender!

von Tina Leisch//

Die Wogen der Dummheit gehen sehr hoch. Von selbst? Ich fürchte, ja - auch wenn Verschwörungstheoretiker*innen behaupten, dass sich ohne geheime Interventionen obskurer Mächte die Ausgebeuteten, Unterdrückten, Verarschten nicht so glatt und brav auf andere Ausgebeutete, Unterdrückte, Verarschte hetzen lassen würden.

Wenn ich zu den 1% gehören würde, die mehr besitzen als der gesamte Rest der Weltbevölkerung zusammen, dann würde ich den Anschlag der Islamofaschisten auf die linken Karikaturist*innen von Charlie Hebdo feiern. Mit einem Hektoliter 1907er Piper-Heidsieck würde ich mit meinen Freunden auf die Anschläge auf den koscheren Supermarkt in Paris und auf das Kulturzentrum und die Synagoge in Kopenhagen anstoßen.
Was Besseres könnte uns 1%igen nicht passieren als diese Verschärfung der Gegensätze zwischen dem weißhäutigen neokolonialistischen Faschismus einerseits und der religiös-faschistischen Perversion des Antikolonialismus in Gestalt des militanten Islamismus andererseits.

Während wir denen, die nur ihre Arbeitskraft oder ihren Körper zu verkaufen haben, immer weniger zahlen und selber immer mehr abkassieren, gehen die Armen in und aus den ehemaligen Kolonien auf die Armen in den ehemaligen Kolonialländern los und vice versa. Danke, danke, danke! Wunderbar, wie die Integrationsdebatte und die Islamdebatte davon ablenken, dass sich alle, die in Europa oder den USA weniger als 1500 Euro im Monat verdienen, dringend verbünden müssten – mit den Gastarbeiterkindern egal welcher Herkunft und Religion, mit den Chines*innen, die mit ihren Lungenkrebsen für die Wettbewerbsüberlegenheit Chinas auf dem Weltmarkt bezahlen, mit den Leuten im Kongo, die man für diesen Weltmarkt nicht braucht, solange man die Ressourcen unter ihren Füßen abtransportieren kann!

Aber nein: solange wir den Armen in Europa ein Gefühl der Überlegenheit der Weißen, Zivilisierten garantieren, lassen sich viele auf Einwander*innen hetzen, anstatt sich gegen die Reichen, die Profiteure, die TTIP-Designer, die Hedgefondsmanager, die Abcasher und die Ausbeuterinnen zu verbünden und zu schauen, dass der unermessliche Reichtum dieser Welt halbwegs gerecht verteilt wird. Wunderbar! Prost.
Natürlich würde ich meine Geschäftsfreunde aus Riad, Dubai und Abu Dhabi einladen mitzufeiern. Danke Leute, euren Investitionen in die Religion ist es zu verdanken, dass sich die muslimische Welt nicht aufführt wie zum Beispiel Lateinamerika, wo die Armen frecherweise immer häufiger Regierungen wählen, die versuchen, ihre Interessen zu vertreten, und zudem auch noch Kollektive und Kooperativen von unten aufbauen, die unseren Profit minimieren. Unsere Versuche, mit evangelikalen Kirchen auch dort Klassenbewusstsein durch religiösen Wahn zu ersetzen, waren ja nicht sehr erfolgreich. In der muslimischen Welt hingegen scheint es weithin gelungen, dass eine oberflächlich antiwestliche, totalisierende und rückwärtsgewandte Politreligion als ein die ökonomischen und politischen Machtstrukturen unberührt lassendes Dekolonialisierungssurrogat funktioniert. Prost!

Liebe Damen, Herren und Transgender, ich gehöre aber nicht zu den 1%. Also feiere ich nicht, sondern weine darüber, wie wunderbar es funktioniert, den Armen Angst voreinander einzujagen, damit sie sich ja nicht solidarisieren.
Ich verstehe es ja. Zu sagen: „Ich werde ausgebeutet, ich werde unterdrückt“, das tut weh. Das ist eine narzisstische Kränkung, das erfordert viel Nachdenken, um den komplizierten Mechanismen meiner Ausbeutung auf die Schliche zu kommen. Und ich kann mir nicht einmal sicher sein, ob die Begriffe und Modelle, die mir angeboten werden, um die Welt neu zu denken und anders, gerechter, vielfältiger, dezentraler zu organisieren, wirklich diesem Zweck dienen.
Hingegen zu sagen: „Ich bin ein stolzer Muslim“, das ist einfach. Da bin ich doch gleich mal wer und das Nachdenken hat Mohammed ja vor 1400 Jahren ein für alle mal für mich erledigt.
Religion als politische Ideologie ist bequem. Gott hat's so angeschafft, also gehört es so. Punkt.

Und solange in österreichischen Schulen und Moscheen die Muslime von Imamen und Islamlehrern indoktriniert werden, die im Dienste der autoritären Regierungen in Riad, Teheran und Istanbul stehen und oft antidemokratische und antisemitische Haltungen predigen, verstehe ich auch, dass Menschen sich vor dem Islam fürchten. Und ich verstehe auch, dass der größte Teil der Menschheit allen Grund hat zu sagen: „Das Konglomerat aus bürgerlichen Freiheiten und ökonomischer Ungerechtigkeit, aus überheblicher Absolutsetzung europäischer Wissensregime und universeller kapitalistischer Durchdringung ist nicht die einzig mögliche Verfasstheit der Welt. Wir wollen sie anders.“ Wer sich allerdings für den Kampf der Kulturen oder den Krieg der Religionen wappnet, ist den 1%  auf den Leim gegangen.

Dem Islamismus als reaktionärem Dekolonialisierungsersatz wird man seine Anhänger*innen wohl nur abspenstig machen mit Dekolonialisierungsprojekten, die lokale Traditionen und wünschenswerte Errungenschaften der westlichen Moderne zu neuen Gesellschaftsmodellen verbinden. Ein solches Projekt wird gerade in Rojava, dem kurdischen Gebiet auf syrischem Territorium, in Angriff genommen: Die kurdischen Städte und Bezirke verteidigen sich nicht nur erfolgreich gegen den „Islamischen Staat“, sie haben für den Mittleren Osten auch ein revolutionäres Wunder vollbracht: In den Räten sind Kurd*innen, Assyrer*innen, Turkmen*innen, Armenier*innen und Araber*innen gleichberechtigt vertreten. Sunnitische, alevitische und schiitische Muslime, Christ*innen, Yesid*innen und Atheist*innen regieren gemeinsam. Jeder politische Posten ist paritätisch mit einem Mann und einer Frau besetzt. Dieses System der demokratischen und autonomen Selbstverwaltung ist dem 1% der regionalen Potentaten genauso ein Dorn im Auge wie den umliegenden autoritären Staaten.
Internationale Solidarität ist gefragt!


Tina Leisch ist Film-, Text- und Theaterarbeiterin.

Zuletzt geändert am 07.04.15, 00:00 Uhr

Silke Müller

Verfasst von Silke Müller

Ein Duett aus Radiofeature-Produktion und Illustrationsausstellung hat mein Kommunikationsdesign und Medienstudium abgeschlossen. Seit dem beschäftige ich mich mit der großen, künstlerischen Radioform "Feature", mit Reportagen und Interviews mit KünstlerInnen und Kulturschaffenden.

Ich bin freischaftende Illustratorin für Plakate - zum Beispiel für Radio FRO - Zeitungen, Magazine, Bücher und Ausstellungen. Radiohören geht beim Zeichnen wunderbar.

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