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FROzine

In Brüssel leben auch nur Menschen

Autor Robert Menasse gelang mit seinem preisgekrönten Werk „Die Hauptstadt“ ein bemerkenswertes Porträt der Arbeit der Europäischen Kommission und ein kraftvolles Plädoyer für das Kunstwerk namens „Europa“. Wir bringen Ausschnitte aus der Lesung vom F(eu)ture Festivals (Euopean Democracy Lab) mit anschließender Fragerunde.

Die Hauptstadt

Robert Menasse war Anfang März in Berlin in der Buchhandlung Moritzplatz für eine Lesung im Rahmen des F(eu)ture Festivals, veranstaltet vom Euopean Democracy Lab, zu Gast. Das Interesse war hoch – kein Wunder – Mit dem Buch „Die Hauptstadt“ gelang Menasse ein beeindruckendes Porträt der Arbeit der Europäischen Kommission und ein kraftvolles Plädoyer für den länderübergreifenden Zusammenhalt und die Zusammenarbeit im Kunstwerk namens „Europa“.

Für die Recherchen zum Buch nahm er sich eine Wohnung in Brüssel und verbrachte mehrere Jahre in der belgischen bzw. europäischen Hauptstadt. Er führte Interviews und beobachtete die Arbeit der Beamten und Beamtinnen genau. Entstanden ist eine Liebeserklärung an Europa, die 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Anhand von Figuren, denen ich als Leser sehr nahe komme, zeichnet er ein hoch spannendes Bild der Welt der europäischen Beamten. Im Hinblick auf die Europawahlen Ende Mai reißt die Bedeutung dieser Geschichte auch eineinhalb Jahre nach Veröffentlichung noch lange nicht ab.

Menasse porträtiert verschiedene Typen von Menschen, die als Beamte in Brüssel ihrer Arbeit und ihren Privatleben nachgehen. Dabei lässt er uns an Hoffnung und Zweifel, an Erfolg und Scheitern dieser Personen teilhaben. Die gesichtslosen Beamten von Brüssel, die gerne in einen gemeinsamen Topf geworfen werden, bekommen im Buch facettenreiche Geschichten, werden greifbar. Wie sind ihre Beziehungen zueinander? Wie sind ihre Beziehungen zu Europa? Haben ihre visionären Ideen in dem bürokratischen System überhaupt Platz und Chance? Wer hat überhaupt Visionen und wer versucht einfach Karriere zu machen? Menasse sagt selbst, er habe versucht mit möglichst vielen Beamten der europäischen Institutionen ins Gespräch zu kommen. Dabei haben sich bestimmte Typen herauskristallisiert. Wenn ein paar Personen Ähnlichkeiten hatten in ihrer Art und Weise zu arbeiten, versuchte er aus diesem Beamten-Typ eine Figur für den Roman zu machen.

Der Roman „Die Hauptstadt“ erschien im Suhrkamp Verlag. Wer das 450-Seiten starke Buch nicht lesen möchte und sich dennoch für „Die Hauptstadt“ interessiert: Der Roman wurde letztes Jahr auf die Bühne gebracht und von Regisseurin Lucia Bihler in eine Theaterfassung überführt. Zu sehen ist das Stück in einer Wiederaufnahme Ende Mai 2019 im Wiener Schauspielhaus. Und zwar am Sa 25., Di 28., Mi 29. und am Fr. 31. Mai. Mehr Infos dazu auf www.schauspielhaus.at

Kritik und Visionen

Im Anschluss an die Lesung beantwortete Menasse Fragen des Publikums und stellte seine Ideen für die nächsten Schritte der europäischen Union in den Raum.:
In welche Widersprüche verstrickt sich die EU und welche Rolle haben die Nationalstaaten an Gedeih oder Verderb der Union? Welche Aufgabe kommt uns BürgerInnen zu? Warum sieht er großes Übel in der Verteidigung nationaler Demokratien? Warum gibt es einen Unterschied zwischen nationalen und regionalen Identitäten? Hat die EU ein eigenes Budget? Und warum kann er den Begriff „glühender Europäer“ nicht ausstehen?

Das European Balcony Project

Mit einem weiteren Kunstprojekt machte der Schriftsteller auf die Vision einer Eurpäischen Republik letzten Herbst aufmerksam.

Am 10. November 2018 wurde – im Rahmen von The European Balcony Project und ausgehend von einem Manifest von Ulrike Guérot, Robert Menasse und Milo Rau – die Europäische Republik symbolisch ausgerufen. Vor den anstehenden Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai 2019 soll die Debatte um die Gestaltung einer Europäischen Republik weitergehen.

Die Sendung zum Nachhören: https://cba.fro.at/403915

Moderation und Gestaltung: Georg Steinfelder

Musik: Schmieds Puls – The Plan

Zuletzt geändert am 13.05.19, 18:58 Uhr

Georg Steinfelder

Verfasst von Georg Steinfelder

Künstler, Designer und Radiomacher mit Einsatz für konstruktiven Journalismus und Liebe zu Mut machenden Geschichten. Themenschwerpunkte: Natur und Klima, Netzpolitik, Europa und politische Partizipation.
Geb. 1988; lebt und arbeitet in Wien und Oberösterreich. Lehrredaktion bei Radio FRO 2018. Seit 2019 Mitglied der Redaktion des FROzine.

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Gesendet am Mi 24. Apr 2019 / 18 Uhr

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