Woyzeck / Marie
ein Dramenfragment von Georg Büchner mit einer Ergänzung von Gerhild Steinbuch.
Woyzeck ist die Tragödie eines sozial Deklassierten, Woyzeck ist ein vom Leben gezeichneter, er ist Versuchsobjekt, Niedriglöhner, er wird herabgewürdigt. Schließlich schreitet er – in die Ecke gedrängt – zur Tat. Bei seinem frühen Tod 1837 – zu Beginn des Biedermeier also – hinterließ Georg Büchner Woyzeck als Fragment, offen für Aneignungen. Regisseur David Bösch und Dramaturgin Wiebke Melle haben nun Gerhild Steinbuch eine Ergänzung oder Erweiterung oder Modernisierung des historischen Stoffs schreiben lassen, um das Thema Femizid künstlerisch wie gesellschaftspolitisch mit Woyzeck / Marie bearbeiten zu können. Es ist die Einsamkeit, die als Motiv und Verbindung der beiden Stücke Woyzeck / Marie steht.

Das Drama Woyzeck beruht auf mehreren zeitgenössischen Mordfällen, die in der Öffentlichkeit, aber auch in der medizinischen und juristischen Fachwelt diskutiert worden waren. Büchners Hauptquelle war der Fall des Johann Christian Woyzeck, der am 2. Juni 1821, im Alter von 41 Jahren seine um fünf Jahre ältere zeitweise Geliebte Johanna Christiane Woost aus Eifersucht erstochen hat. Auch der echte Woyzeck, der Büchner sozusagen als Vorlage diehnte, schlug sich mehr schlecht als recht im Leben durch. Er wurde depressiv, wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen und kehrte in seine Heimatstadt zurück, wo er zuletzt ohne Arbeit und Obdach lebte. Johanna Christiane Woost ging nach seiner Rückkehr eine Beziehung mit ihm ein, pflegte daneben aber noch andere Liebschaften. Woyzeck hatte sie schon mehrfach misshandelt, bevor er sie schließlich ermordete. Ende August 1824 schließlich wurde Woyzeck auf dem Leipziger Marktplatz vor 5000 Schaulustigen öffentlich hingerichtet. Georg Büchner verwebt noch zwei weitere Femizide in seinen Woyzeck: alle drei Mordfälle, die dem Woyzeck zugrundeliegen, weisen auffällige Entsprechungen aus: Die Täter stammten aus armen Verhältnissen, waren wenig gebildet, hatten handwerkliche Berufe gelernt, als Soldaten gedient, eine unstete, beruflich erfolglose und sozial deklassierte Existenz gefristet, das ihre Leben und ihre Möglichkeiten stark einschränkte.
Heute weiß man, dass der gefährlichste Ort für eine Frau, nicht die sprichwörtliche dunkle Gasse ist, sondern die Partnerschaft. Mit Gerhild Steinbuchs Text wird es nun möglich die historische Grundlage des Woyzeck mit zeitgenössischen Fragen und Antworten zu verschränken und in Beziehung zu stellen.
In der Sendung zu hören sind der Ensemble-Leiter und Regisseur David Bösch, die Dramaturgin Wiebke Melle und Ausschnitte aus Woyzeck / Marie.
Zu Woyzeck / Marie gibt es auch eine begleitende Ausstellung:
Ausstellung Erbsen zählen | Kunstuniversität Linz im Foyer der Kammerspiele.
Zuletzt geändert am 17.03.26, 17:31 Uhr
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