Ich erzähle von meinen Beinen
Cornelia Travnicek live im Studiogespräch
Wally empfand sich immer schon anders, als ihr die meisten Menschen ihrer Umgebung erschienen. Von Kindesbeinen an war sie daran gewöhnt, vieles wunderlich zu finden und hinterfragte, was anderen als selbstverständlich galt. So existiert sie innerhalb von Normen, die ihr zwar nicht entsprechen, mit denen sie aber einen Umgang gefunden hat und sich zumindest leidlich zu arrangieren weiß.
Das fällt ihr oft nicht leicht, funktioniert aber lange Zeit. Sie lebt ihr Leben, liebt ihre Familie und fühlt sich durchaus nicht unglücklich. Jedenfalls nicht immer. Bis ein Verdacht in ihr reift und ihrer Tochter Vallie in weiterer Folge die Diagnose ADHS gestellt wird. Wallys Auseinandersetzung damit wird zur Auseinandersetzung mit sich selbst, die Dinge geraten in Bewegung, beginnen bedrohlich zu verrutschen und verschwimmen. Letzteres buchstäblich, als das Haus, in dem Wally mit ihrer Familie lebt, bei einer Überschwemmung überflutet wird.
In ihrem jüngsten Roman setzt sich Cornelia Travnicek mit dem Phänomen Neurodivergenz auseinander. Was bedeutet es, laufend andere Perspektiven zu haben, anders zu empfinden und zu verstehen als die meisten Menschen im eigenen Umfeld? Wie kann Andersartigkeit gelebt werden? Muss man sie um jeden Preis verbergen? Waren es doch häufig eben diese divergenten, von der sogenannten Norm abweichenden Personen, ihre besonderen Blickwinkel und Gedankengänge, denen die Menschheit großartige Erkenntnisse, Erfindungen, Kunstwerke verdankt. Kein leichtes Thema, noch weniger ein übersichtliches, vielmehr kompliziert und verworren, wie das Leben selbst. Neben der Fähigkeit zu schonungsloser Selbstanalyse hat die Autorin ihrer Hauptfigur auch viel Sinn für scharfen Humor mitgegeben.
Website Cornelia Travnicek
Website Picus Verlag Ich erzähle von meinen Beinen
Zuletzt bearbeitet am 06.06.26, 10:27 Uhr
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