aus "ÜBER LEBEN"
[...] Lange ist es noch nicht her, daß ich umgezogen bin. Der Sommer war gerade zuende ...
Meine Sachen hatten in einem alten Einkaufswagen Platz, den ich vom Dachboden die Treppen hinuntertrug, auf meinen Schultern, vier Stockwerke und dann durch die Stadt schob. Ein paar Tassen, ein paar Bücher, ein paar Klamotten, einige noch von Frida und eine Decke, die sie zurückgelassen, wohl vergessen hatte, als sie ging.
Es ist eine gelbe Decke. Die Decke riecht gut, sie riecht wie Frida wohl jetzt noch riecht. Wenn ich an Frida denke, dann denk ich am liebsten an ihre dunkle, weiche Haut, die nach warmen Zitronen riecht.
Frieda wohnte in einem gelben Haus, mit einem grünen Hof, am Stadtrand. Der Hof hatte eine Schaukel, einen Sandkasten, Kinder, die spielten und alle gleich aussahen, Katzen, Hunde ... Leinen waren gespannt, auf denen Wäsche hing, unter den Bäumen stand ein alter Tisch. Fahrräder lehnten an der Hauswand. Leuten waren da, die sich von Fenster zu Fenster oder von Balkon zu Balkon etwas zuriefen.
Die Türen standen alle offen.
Frieda wohnte im obersten Stockwerk, wo die Aussicht den Namen verdiente, wo der Himmel so groß war und die Wolken so nah. Selbst wenn es kalt ist, muß sie hier an den Süden denken, sagte sie und jeder, der hier wohnt ist schön, ohne es zu wissen. Alle haben hier ein weites Herz und sie selbst einen leichten Sinn.
Sie wohnte in einem großen, fast leeren Zimmer. Sie hatte hier alles, was sie brauchte. Ihr Blick zum Ende der Stadt auf einen Berg mit Bäumen und mit der Sonne am Abend. Die Wände helllila, Spiegelscherben daran, Spinnennetze aus Silberdraht in den Ecken und ein kleines schwarzes Stahleisenbett, die gelbe Decke. Frida sagte, hier oben ist alles gut. Es roch gut. Vielleicht war es nur dieser wunderbare Geruch ...
Ich blieb gleich bei ihr, ohne zu überlegen, und ich war froh. Ich brachte meine Sachen aus der alten Wohnung nicht hierher. In dem neuen Zimmer, neben Frieda lag eine Matratze. Hoch oben an der Wand hing ein viel zu kleines Bild an einem Nagel. Früher hatte da ein größeres gehangen, man konnte den Rand noch sehen. Die Wände waren orange. Die Tür zwischen den Zimmern hatten wir ausgehangen.
[...]
Wir hatten kein Telefon, keine Zeitung, kein Radio, keinen Fernseher. Wir wollten von niemanden gestört sein. Wir wollten zuhause sein, wenn wir zuhause waren. Draußen tobten Kriege, von denen wir nichts wußten, unsere Post warfen wir ungelesen ins Altpapier. Unsere Wohnung war unser Paradies.
Wir hörten wochenlang schon immer das gleiche Lied, auf doppelter Geschwindigkeit. Im Keller und auf dem Dachboden fanden wir dies und das, sogar alte Tagebücher. Wir schafften alles in unsere Wohnung, wir hatten ja sonst nix. Wir hatten nicht mal einen Küchentisch.
Wir hatten einen griechenlandhimmelblauen Balkon, von unserem letzten Geld so lackiert, von oben bis unten, total. Die Farbe war noch feucht. Wir saßen zusammen auf dem Balkon, zu zweit auf einem Sessel, der nur drei Beine hatte, auf dem schief ein Stück falscher Samt hing, unsere Füße auf einer Hozkiste, hatten uns Tabak, Drehfilter, Blättchen, Feuerzeuge zwischen die Zehen, zwischen rotlackierte Nägel gesteckt, in diesem so furchtbar heißen Sommer, tranken Wein, vom allerletzten Geld gakauft aus grünen Gläsern, wir rauchten, uns war ganz schwindelig. In den Blumentöpfen neben uns wuchsen Tomaten. Kleine, knallrote Paradeiser ...
Vom Balkon aus schauten wir in den Hof, auf den einsamen, alten Holztisch, der da unter den Bäumen stand, an dem sonst Leute saßen, aber heute nicht. Wir warteten, bis es dunkel war und gingen dann hinunter. Der Tisch war viel leichter, als wir die ganze Zeit dachten.
Wir gingen in die Stadt. Wir hatten kein Geld für die Straßenbahn, wir hatten nie Geld, wir hatten einen leeren Rucksack dabei und fühlten uns ganz leicht.
In Schaufenstern, schauten wir uns an, was wir uns nicht leisten konnten und freuten uns, wenn´s häßlich war. Wir haßten die Menschen, die Feierabendsgesichter, die uns anglotzten, die einfach Einkaufstaschen und Koffer mit sich trugen, die Reichen - Was die wohl darin hatten! - Da saßen die Leute in Cafés, die spießten Kuchenstücke auf Gabeln, die hoben ihre Servietten auf und fuhren mit den angespuckten ihren Kindern über den Mund, den verschmierten. Sie saßen in Cafés wie mit Schlagsahne unterm Arsch.
Da krieg ich Beklemmungen, wenn ich sowas seh, sagte Frida.
Wir gingen in das große Kaufhaus ... wieder zuhause packte Frida den Rucksack aus, teilte die Sachen in zwei Haufen und ich durfte mir einen aussuchen [...]