theresa

die kirchenglocken vom dorf, das weiter unten liegt, windgeschützt in der mulde, schlägt fünfmal, läutet für theresa frühzeitig den tag ein. so ein bauernhaus gibt arbeit, noch dazu, wenn man alles allein machen muß.

theresa steht auf, schlurft noch vor sich hindämmernd zur tür, ist es hell oder nicht?, begleitet von huberts nervtötendem schnarchen. hubert, das ist ihr mann. im zimmer stinkt es bestialisch nach kotze und schnaps. wie immer ist er stockbesoffen.

‘dieses dreckschwein’, denkt theresa, hört sogleich erschrocken auf zu denken, aus angst, der schlafende könnte es hören oder in ihrem gesicht ablesen und nach seinem ständigen begleiter, den stock greifen, um sie durchzuprügeln. nein, sie hat noch schonzeit, vor neun steht er nie auf. theresa windet sich in ihr blaues kleid, die stallkluft, die auch danach stinkt, knotet überhaps ihre haare zusammen. früher einmal waren sie blond wie kornähren, nun sind sie mausgrau, abgestumpft wie sie selbst. im stall umfängt sie muffige wärme wie ein mutterschoß, sie wirft den kühen heu in die traufe, geht daran, eine nach der anderen zu melken, die katzen laufen ihr zu, umschmeicheln sie, streifen sie mit ihren langen schwänzen.

‘ja ihr’, sagt theresa, ‘schmeichelts nur, weil ihr milch wollt!’

freut sich trotzdem über ihre zutraulichkeit und gibt ihnen, was sie wollen. in der früh, das ist ihre zeit. nur das vieh, das sie nicht in ihren gedanken stört. nur das vieh und theresa. draußen im hof leert sie die kuhwarme milch in die milchkannen. der traktor vom hemmelbauern kommt um halb sieben zum milchbankerl, die sammelstelle in der ortschaft. viel kann sie nicht liefern, immer nur drei, vier kannen voll. der bauernhof ist abgewirtschaftet, früher einmal war theresas elternhof einer der stattlichsten in der gegend. bis sie, die erbtochter, den hubert geheiratet hat. sie haben das nicht mehr miterleben müssen. alles hat er zur hoftür hinaus und zur wirtshaustür hineingetragen. die ernte vom letzten jahr hat er versoffen, zwanzig stück mastvieh hat der hof einmal gehabt, ein paar milchkühe sind noch da, hühner laufen nur mehr wenige herum, legefaul und kopfscheu. der hubert wirft ihnen immer steine nach und trifft sie auch meistens. drei hat er schon erschlagen, zuerst sind sie getorkelt, als wären sie auch besoffen, dann haben sie die augen verdreht und sind umgefallen.

der hubert hat unflätig gelacht und theresa von ihrer arbeit weggezerrt, an ihr herumgefingerlt und gesagt: ‘so geht’s dir auch, wennst nicht parierst, du ausgetrocknete ziege!’

dann hat er sich abgemüht und geplagt, ihr seinen halbsteifen hineinzustopfen. theresa hat gezittert vor angst, hat sich geniert, ‘wenn das die nachbarn sehen’, ist hinterher aufs klo gerannt, hat den finger hineingesteckt in ihren hals, ganz tief. aber das bißchen sperma, das er noch produziert, ist trotzdem nicht aus ihr herausgekommen.

ausgetrocknete ziege! zwei kinder hätte sie gehabt, wenn er sie nicht umgebracht hätte! das erste war ein mädchen, war zu früh gekommen, ganz schwach und klein. eine schwere geburt wars, theresas becken ist zu eng. wie die hebamme weg war, ist er sich das kind anschauen gekommen. ‘so, a mensch’ hat er gesagt und angefangen sie zu prügeln. ist mit fäusten auf ihren von der geburt offenen, wunden unterleib losgegangen, daß das blut nur so weggeronnen ist. theresa hat es gespürt, dieses fließen da unten und hat nur gedacht:’das ist das leben, das von mir wegrinnt!’ es war ihr egal, sie war sogar erleichtert, daß sie sterben darf. doch sie hat überlebt. das bluten hat wieder aufgehört, aber das kleine ist gestorben. ‘einen schock hat es gehabt’, weiß theresa, ‘deswegen ist es gestorben." sie war froh, als es tot war, das arme wurm. er hätte es zu tode geprügelt. wo er doch einen sohn hat haben wollen.

‘a bauernhof braucht einen sohn’, hat er gebrüllt und hat ihr nicht einmal drei tage ruhe gelassen. jedesmal hat sie wieder zu bluten angefangen, er war begeistert. weil er jetzt wieder jedesmal eine jungfrau im bett hat, wie er sagte. theresa hat sich gewunden unter ihm, hat die zähne zusammengebissen, so weh hat es getan. ‘hör auf’, hat sie gebettelt. ‘hör auf, du tust mir weh!’

‘a bißl weh muß sein’ hat er gemurmelt und weitergewerkt, ‘das braucht a frau. so wirst wenigstens leidenschaftlich!’

theresa hat zum rosenkranzbeten angefangen, ein vaterunser im himmel, zwei ave maria, der du für uns am kreuze gestorben bist, dann war er fertig, war auch sie erlöst von ihrem kreuz.

das zweite wär ein bub gewesen, der hubert hat ihr die hebamme nicht geholt.

‘krepier mit deinem bankert!’, hat er geschrien, ‘du bringst ja wieder nur a mensch auf die welt!’

und ist ins wirtshaus gegangen. wie er stunden später lallend heimgekommen ist, war theresa bewußtlos und das kind noch immer nicht da. er hat’s dann mit der angst gekriegt und hat die rettung geholt. einen kaiserschnitt haben sie ihr gemacht, aber der bub ist erstickt, war schon tot, wie sie ihn aus ihrem offenen bauch herausgezerrt haben.

danach hat er nur noch mehr gesoffen, mehr als je zuvor, der hubert.

‘wie wenn er mit dem buben gestorben wär’, denkt theresa oft, seitdem rührt er keinen finger mehr in der landwirtschaft. nur zum quälen ist er noch da, zum theresa quälen.

‘hast was mit dem pfaffen, weilst immer in die kirchen rennst?’, empfängt er sie am sonntag nach der messe und schlägt sie mit dem nächstbesten, das ihm in die finger kommt. theresa würgt es jedesmal in der kehle, wenn er irgendwo unvermutet vor ihr auftaucht.

seit einem halben jahr kann er nicht mehr, er hat seine potenz versoffen.

seitdem ist er noch ärger geworden.

wenn er jetzt auf sie einschlägt, kann es passieren, daß er wieder einen ständer kriegt, der fällt aber gleich wieder zusammen.

‘muß ja nicht mein schwanz sein, den i dir reinsteck!’ hat er gesagt, der hubert, und hat angefangen nach gegenständen zu suchen.

theresa hat angst vor ihm, sobald er vor ihr auftaucht, fängt zu zittern und zu würgen an.

‘das ist doch kein leben’, denkt sie oft, ‘der ist ja krank im kopf, ganz krank’, sagt sie sich, die theresa, und hat schon mehr als einmal überlegt, ob sie sich umbringen soll. aber der hof braucht sie.

theresa füttert die schweine, die hühner, läßt sich zeit dabei, kehrt den hof zusammen, bis sie nichts mehr findet, kein körnchen staub mehr, das sie wegkehren könnte, dann muß sie ins haus gehen. es ist acht vorbei. drinnen hört sie ihn schon rumoren. er sitzt am küchentisch, die augen blutunterlaufen, aus der hose hängt das heraus, womit er jetzt so gar nichts mehr anfangen kann, die hosenträger liegen neben ihm, in der hand hält er triumphierend die flasche. ‘genau das mach ich jetzt mit dir!’ teilt er theresa mit, deutet vielsagend auf die hosenträger und die flasche. theresa wird starr, er steht auf, taumelt auf sie zu, theresa stürzt an ihm vorbei, in die kammer neben der küche, dreht den schlüssel zweimal um und schiebt mit letzter kraft den schweren bauernkasten vor die tür.

‘jetzt nimmer’, denkt sie, ‘jetzt nimmer!’ legt sich aufs bett, in dem ihr vater gestorben ist, legt sich hinein und denkt an gar nichts mehr. von weither hört sie ihn gegen die tür schlagen, brüllen, toben, glas splittert. ‘ich schlag dir die tür ein, zum pfarrer geh’ ich. sowas ist keine ehefrau nicht. mit dem pfarrer, mit dem halt’st es, mit mir willst nicht. komm raus, aber sofort!’

theresa macht zu, ganz fest zu, sie hört und sieht nichts mehr, liegt nur wie tot auf dem bett. eine spinne baut über ihrem kopf ein netz, theresa schaut und schaut, stürzt hinein, in dieses netz hinein, die spinne spinnt immer emsiger, spinnt theresa ein, bis sie sich nicht mehr rühren kann, überhaupt nicht mehr rühren kann. dann kommt sie, die spinne und saugt sie aus, bis theresa ganz leer ist, alles ist weg, das blut, das gefühl, die angst, alles ist weg, sie ist hohl, leer, ihr körper, der theresa-körper ist eine hülle, man kann ihn wegwerfen, auf den misthaufen werfen, hinein in die kuhscheiße oder ihn aufheben, als souvenir, ganz wie man will, alles ist egal, alles weggeschwemmt.

draußen ist das klirren von flaschen zu hören, auch dort zappelt einer in seinem spinnennetz, dann wird es ruhig, ganz ruhig. theresa weiß nicht, ob minuten, stunden oder tage vergangen sind, sie steht auf, schiebt schweratmend den kasten beiseite, sperrt die tür auf, die küche ist leer.

hubert liegt im ehebett, das gesicht aufgedunsen, schwammig, der kopf eine gehirnlose masse, schnarcht und schnarcht, gefangen in seinem spinnennetz, schläft sich den rausch weg, daß ein nächster platz hat. der körper dunstet und scheidet aus.

theresa reißt sich los, hört auf, ihn anzuschauen, geht in die scheune, zielsicher, kramt herum, der kopf ist leer, so leer, das vieh schreit im stall vor hunger, die kühe müssen gemolken werden, theresa hört und sieht nichts, sie tut, was getan werden muß, es ist abend. in der dunkelheit tappt sie nach etwas bestimmten unter all den geräten, hält es in den händen, kühl und glatt, sie dreht sich um, geht ins haus, durch den langen vorhausgang ins schlafzimmer.

er liegt im bett, zugedeckt, er brummelt im schlaf, blinzelt, dann ist sie über ihm, theresa ist über ihm, die axt in der hand, schlägt ihn und schlägt, hinein in die aufgedunsene, schwammige masse, zerschlägt sein und ihr spinnennetz. im sterben reißt er die augen auf, die hände hoch, der kopfpolster färbt sich rot, so rot, dann ist alles vorbei.

theresa läßt die axt fallen, geht in die küche, setzt sich auf einen sessel, starrt auf die leeren flaschen vor sich auf dem tisch und wartet.

der kopf ist leer, so leer, das vieh im stall brüllt, theresa faltet die hände im schoß...

 

aus podium 92 / september 1994