Marion

Sie liegt an den Händen ans Bett gebunden, in einem dieser Dinger, das sie zynisch "Gitterbett" nennen. Eine Schwester hat ihr erzählt, daß sie bei der Einlieferung geschrien und getobt hätte, daran kann sie sich nicht mehr erinnern, nur mehr daran, daß sie aus dem Fenster springen wollte.

Sie haben sie umzingelt, alle miteinander haben sie sie umzingelt und sie überwältigt.

Von ihrem Gitterbett aus kann sie, wenn sie nur den Kopf ein wenig nach links dreht, die Lichter ihrer Stadt sehen. In ihr ist Marion geboren, hier hat sie ihre ersten Schritte gemacht, direkt unter dem steinernen Blick des Stelzhammer Franzls. Hier ist sie zur Schule gegangen, hat Rüstzeug fürs Leben eingehämmert bekommen, das sie genauso schnell wieder vergessen hat. In der Stadt hat sie ihre vierundzwanzig Jahre verbracht.

Nun haben sie sie hierhergebracht in dieses Haus, in dem man vergessen wird, in dem man aufhört zu sein, sie haben sie hierhergebracht, doch sie bleibt keinen Tag, keine Nacht länger!

Sie schleicht zum Aufzug, fährt ins Parterre, huscht durch die endlos langen Gänge, vorbei an den verschlossenen Glastüren, hinter denen sie den Menschen die Seelen aus dem Leib fragen, die Seelen aus dem Leib analysieren, vorbei an den verschlossenen Glastüren, hinter denen die Menschen zu Nummern, zu Diagnosen werden, hinter denen sie die Seelen mit Tabletten einschläfern, die Seelen mit Elektroschocks stehlen. Nicht nach links sehen, nicht nach rechts sehen, nur geradeaus, immer nur geradeaus wie im Märchen mit den zwölf Zimmern. Vorbei an der Portiersloge, wo sie eine Stimme mit der anderen verbinden, gespenstisch, unheimlich über Sein und Nichtsein entscheiden.

Hinter dem sich die Glastüre schließt, der ist vergessen, verloren, der ist nicht mehr.

Vor Marion öffnet sie sich selbsttätig, diese Glastür. Im Nachthemd läuft sie den Weg hinunter, an der Transportfirma vorbei, die Reuchlinstraße entlang bis zur Bushaltestelle. Doch nein, nicht so weit! Die kleinen Häuser der ÖBB-Bediensteten stehen in Reih und Glied links und rechts der Straße, sie starren sie an, mit schlaftrunkenen Augen starren sie sie an. Sie ist zu auffällig in ihrem blauweiß-gestreiften Anstaltsnachthemd, das schon Hierarchien von seelenlosen Patienten vor ihr getragen haben. Sie wird nicht mit dem Bus fahren, sie ist zu auffällig. Kompliziert angelegte Seitengassen durchquert sie. Wie erwartet, gelangt sie auf die Wienerstraße, drückt sich in eine Hauspassage - ihr gegenüber steht vor einer Hauseinfahrt ein Polizeiauto. Alles sieht sie wieder vor sich, alles! Genauso sind sie auch vor ihrem Haus gestanden.

Ihre Feinde haben monatelang daran gearbeitet, bis sie soweit war. Marion wohnte in einem Hochhaus, von der Unionstraße aus kann sie schon die Fenster der Wohnung erkennen, das heißt "seiner" Wohnung. Ihr Mann wohnt noch darin und ihr Kind. Er hat es jetzt auch geschafft, längere Zeit schon wollte er das Kind für sich allein haben und sie, den lästigen Parasiten, loswerden. Die Leute im Haus haben ihm dabei geholfen. Die Fürsorge haben sie verständigt, vor zwei Monaten war das. Marion ist allein gewesen mit dem Kind, immer allein gewesen und immer hat es geschrien.

Marion hat sich nicht wohlgefühlt, sie war krank, krank und ungeduldig, da hat sie mit Stofftieren nach dem Kind geworfen, damit es endlich zu schreien aufhört. Eine Nachbarin ist spionieren gekommen, die Wohnungstür war offen, dann hat sie die Fürsorge verständigt. Ja, so sind die! Haben nur darauf gewartet. Marion könne kein Kind versorgen, haben sie behauptet, kaum daß es auf der Welt war. Nun steht sie an dieser Kreuzung, ein paar Meter entfernt, dort wo die Rücklichter zu sehen sind vom Bus, der gerade um die Ecke biegt, genau dort ist der Eingang zu ihrem Haus. Aber es ist ja nicht mehr ihr Haus. Allesamt würden sie über Marion herfallen. Es hat schganz langsam angefangen, alles hat ganz langsam angefangen. Als sie geheiratet hat, ist sie in dieses Haus gezogen, in dem ihr Mann seine Kindheit verbracht hat. Sie haben Marion nicht akzeptiert, wollten sie hinausekeln.

Eine bessere Partie hätte er machen können, eine bessere Frau hätte er verdient, der Werner, das sagen sie immer wieder - auch zu ihr. Wenn sie sie im Stiegenhaus trafen, stellten sie ihre Einkaufstaschen ab, verfolgten sie mit ihren Blicken, solange sie noch ein Zipferl von ihr erhaschen konnten. Dann standen sie und tuschelten, zwei Stockwerke höher konnte Marion sie noch hören. Geheime Pläne arbeiteten sie aus, das wußte sie, geheime Pläne, wie sie sie aus dem Haus treiben könnten. Als das Kind dann da war, wurde es noch schlimmer. Einer der ihren war nun in ihren Händen. Das Kind zählten sie zu ihnen, es war in diesem Haus geboren, war der Sohn von einem, der zu ihnen gehörte. Wenn sie im Andreas-Hofer-Spielplatz auf einer Bank in der Sonne saß, neben ihr der Kinderwagen, das Strickzeug in den Händen, spürte Marion die gehässigen Blicke in ihrem Rücken. Sie schlichen ihr nach, ließen sie nicht aus den Augen. Sie beobachteten sie, hetzten ihren Mann gegen sie auf. Nachbarinnen luden ihn zum Abendessen ein, die waren alle so alt wie Marion, sie waren mit Werner zur Schule gegangen. Ganz bestimmt hat er bei denen nicht nur gegessen. So, ganz genauso haben sie Marion ihren Mann abspenstig gemacht, von ihrer Seite weggezerrt, jedes Mittel war ihnen recht. Lange hat sie versucht, ihm die Augen zu öffnen, er war ja sozusagen betriebsblind. Er hatte nicht begriffen. Ausgelacht hat er sie - ob sie wieder eine ihrer Geschichten erzähle oder ob sie es ernst meinte, fragte er sie. Wenn sie es ernst meine, müsse er sie leider in die Trottelburg schicken, in die Wagner-Disco, wenn sie das besser verstünde. Marion verstand beides und hielt den Mund. Es war ihr sowieso bald klargeworden, daß sie es auf sie abgesehen hatten, daß sie sie beiseiteschaffen wollten, bald war ihr das klargeworden! Stellte sie im Stiegenhaus den Kinderwagen ab, riefen sie von der Kellerstiege aus ihren Namen. Ging sie nachsehen, war dort niemand. Sie hielten sich versteckt, wollten sie verrückt machen. Immer weniger ging sie mit der Zeit aus der Wohnung, immer weniger.

Es half ihr nicht viel. Durch den Luftschacht riefen sie ihren Namen, dann haben sie auch irgendwann Wanzen installiert, in der ganzen Wohnung haben sie Wanzen installiert, damit sie Marion abhören konnten. Im Badezimmer, in der Küche, im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, sogar im Kinderzimmer, überall, überall waren Wanzen installiert. Sie hat sie gesucht, die Vorhänge entfernt, die Lampenschirme zerschlagen, die Kästen umgestellt, den Vorzimmerkasten zerlegt, der ist doch ein besonders geeignetes Versteck, die Küchenkästen hat sie ausgeleert, ausgesaugt. Irgendwo mußte doch so eine verdammte Wanze zu finden sein. Irgendwo müssen sie sie doch sichtbar angebracht haben, irgendwann müssen sie doch unvorsichtig gewesen sein. Sie sind so viele. Marion hatte gegen sie keine Chance. Ihr Mann war in der Arbeit, als sie die Wohnung systematisch durchsuchte. Der Mann bei der Post hat ihr gesagt, sie seien da nicht zuständig, die Polizisten haben nur gelacht und gemeint, mit Wanzen kennen sie sich nicht aus. Die haben sie allesamt nicht ernst genommen. Marion war ganz auf sich allein gestellt. Das Kind war bei der Nachbarin, einer Tante ihres Mannes. Werner hat nicht mehr erlaubt, daß das Kind einen ganzen Tag mit ihr allein war. "Wer weiß, wozu diese Verrückte fähig ist" hat er zur Tante gesagt. Er hat geglaubt, sie, Marion, höre es nicht. Ganz auf sich allein gestellt war sie, also hat sie die Wohnung durchsucht, endlich hat sie ihren Plan durchschaut, meinte sie. Ins Handwerk pfuschen wollte sie ihnen, die Wanzen entfernen und ihnen vor die Füße werfen, damit sie kein Mittel mehr gehabt hätten, sie verrückt zu machen.

Die Tür haben sie aufgebrochen, buchstäblich gewartet haben sie darauf, daß sie ihnen plump und naiv in die Falle gehe. Wie Schachspieler haben sie Marion Züge aufgezwungen, ihr keine Wahl gelassen und ruhig abgewartet, bis sie in ihrem Netz zappelte. "Verfolgungswahn" sagten sie zu den Polizisten, die zusammen mit den Rettungsmännern kamen. "Zwangseinweisung wegen Selbstgefährdung" sagten die Polizisten, "und eine Gefahr für andere ist sie auch" sagten sie, die Polizisten, weil sie sich wehren wollte, sich gegen vier Männer wehren wollte. Wie kann man das als Frau! Wer würde in solch einer Situation nicht aus dem Fenster springen wollen? "Suicidgefahr", diagnostizierte der Psychiater mit gelangweiltem Blick und weißem Mantel, als sie Marion ihm vorführten, "Suicidgefahr", deshalb steckten sie sie ins "Gitterbett". "Verfolgungswahn", sagten die Hausbewohner, "Suicidgefahr bei Paranioa", sagten die Ärzte. Angeblich hat sie geschrien und getobt bei der Einlieferung, aber daran kann sich Marion nicht mehr erinnern, bestimmt haben sie es erfunden, um ihr zu schaden. Die haben geglaubt, sie könnten sie einsperren. Marion aberschleicht wie ein Panther durch die nächtlichen Straßen. Sie können sie ihr nicht verbieten, diese Stadt. Es hat geregnet, wenige Autofahrer sind unterwegs, keine Fußgänger zu sehen. Damit sie nicht auffällt, streift sie auf Umwegen, an der Friedhofsmauer entlang, durch die nächtliche Stadt in Richtung Hessenplatz. Dies ist ihre Stadt, in ihr hat sie Wurzeln geschlagen, wie ein Baum hat sie in ihr Wurzeln geschlagen, krallt sich fest an ihr, sieht sich satt an den bunten Lichtern der Leuchtstoffreklamen, hört sich satt am nächtlichen dumpfen Grollen, dem Pulsieren.

Sie können ihr die Wohnung verbieten, nicht aber diese Stadt.

Jesus ist da, der Sandler. Sommer wie Winter mit dünner Sommerhose, dickem Wintermantel, schweren Moonboots. Sein Haar, das strähnige, lange, schwarze Haar hält ein Adidas-Stirnband zusammen. Jesus predigte so schön. Er predigte allen, doch keiner hört ihm zu. Marion kennt Jesus vom Spielplatz, jeder in der Stadt kennt ihn, zumindest vom Sehen. Immer wieder stecken sie ihn ins Irrenhaus. Sie tun ihm nicht mehr weh damit, er ist schon jenseits vom Leid. Auch die alte Frau Professor ist da. Die alte Frau Professor, die ihr ganzes Inventar auf dem Rücken trägt. Sie schlingt ihren fadenscheinigen Hubertusmantel um sich und nickt mit dem Kopf. Marion gehört zu ihnen, jetzt gehört sie zu ihnen, sie weiß es. Immer wieder teilen sie der Frau Professor eine Wohnung zu, sie wollen sie seßhaft machen. Sie hat ja Geld, hat es nicht notwendig, herumzustreunen. Immer wieder wirft sie den Schlüssel weg, wandert durch die Stadt, bis sie wieder aufgegriffen wird. Sie alle sind die Leprakranken hier, die Paria, die Ausgestoßenen. Stumm schauen sie zum Mond, stumm halten sie Wacht. Sogar Jesus hört auf zu predigen. Marion sitzt auf der Bank, stützt den Kopf in die Hände, atmet den Geruch ein, den Geruch von regendurchtränkter Erde. Der ist auch für sie, sie können sie ihr nicht verbieten, ihre Stadt, die ist auch für sie. Jesus und die Frau Professor sind verschwunden, vielleicht hat Marion es sich nur eingebildet, sie zu sehen. Marion sitzt da, auf dieser Bank im Hessenplatzpark, starrt auf den abgedeckten Brunnen, atmet den erdigen Geruch ein und lacht sich ins Fäustchen. Einen schönen Streich hat sie ihnen gespielt! Bis an ihr Lebensende bleibt sie hier sitzen, bis an ihr Lebensende. Hier bleibt sie sitzen und geht nicht mehr weg. Hier, auf dem Hessenplatz hat sie umsteigen müssen, auf dem Weg zur Schule. Von hier aus hat sie ihre Streifzüge durch die Stadt unternommen, die Schultasche auf dem Rücken.

Mutterseelenallein inmitten von Menschenmassen die Landstraße entlang. Ein Geschäft nach dem anderen hat sie begutachtet, die Auslagen angestarrt, nicht die kleinste Kleinigkeit ist ihr entgangen, nicht die kleinste Kleinigkeit! Sie hat sie auswendig gelernt, diese Stadt, jedes Fleckchen ist in ihrem Gedächtnis. Der Römerberg mit der Martinskirche, sie weiß, wie er riecht, der Römerberg, sie weiß, wie sie gehen muß, um in die Schlossergasse zu gelangen, sie weiß, wo das komische Haus steht, dessen Fenster selbst am Tag rot verhangen sind. Sie kennt den Schloßberg mit dem Ausblick zur Donau, die Todesstelle, von dort sind schon einige hinuntergesprungen, geradewegs hinein in den grauen Betontod. Die lauschigen Wanderwege hinunter zur Donau, auf dem Schloßberg, die heckenverwachsenen Bänke, das alles kennt sie genau. Mit ihrem Mann ist sie auf diesen heckenverwachsenen Bänken gesessen, Hand in Hand, viel zu jung, sie haben sich geküßt, damals hatten sie keine Macht über ihn, damals haben sie ohnmächtig zugesehen. Sie waren dabei, ihn zu verlieren, doch sie haben ihn sich zurückgeholt. Bis auf ihr Lebensende wird sie auf dieser Bank sitzenbleiben, bis an ihr Lebensende, auch wenn sie in diesem gottverdammten Gitterbett liegt, an den Händen gefesselt. Sie können sie bis obenhiin vollstopfen mit diesen Tabletten, die sie in sie hineinstopfen, bis sie platzt. Diese Tabletten, von denen sie glauben, daß sie davon wieder normal wird. Sie lacht sich ins Fäustchen. Was wissen denn die. Sie ist normal. Aber wie ist es mit denen? Die merken doch nicht einmal, daß sie sie gar nicht einsperren können. Bis an ihr Lebensende wird sie hier sitzen auf dieser Bank mit Hessenplatzpark.

Sie können sie ihr nicht verbieten, diese Stadt, sie können sie ihr nicht verbieten...