aus "LILYS ZUSTANDEKOMMEN"
| "Denn der Garten, eine Ordnung der menschlichen Seele, und allen anderer ihrer Ordnungen verwandt, ist eine Ordnung der ganzen Seele und nicht der halben, der tätigen und nicht der schlaffen, und kennt keinen ästhetischen Frömmler, es sei denn als den Spazierer, dem er nichts verargt: der Garten will den Gärtner."
Rudolf Borchardt |
Mit dicken Daumen grabe ich Löcher für die Tulpenzwiebeln, "Dreamy Maid", "Carnaval de Nice", "Black Parrot"...Ich weiss nicht, wer sich den Namen der verschiedenen Sorten ausdenkt - vielleicht nimmt man Dichter zuhilfe. Viel habe ich nicht im Sinn mit den Tulpen. Ich stecke die braunbehäuteten, konischen Lebensbehälter in die Erde und denke mir, wenigstens kommen sie früh. Nach dem langen Winter hellt das Gemüt sich auf, wenn sie in so deutlichen Farben blühen.
Meine Leidenschaft gilt anderen: einzelnen Iris-Sorten, alten Rosen, duftenden Lilien, Fingerhüten. Kaum je einer ganzen Art. Und den vielen seltenen Unbekannten, mir Unbekannten, die ich aus Büchern kenne. Welch Glücksgefühl, sie von irgendwoher beschaffen zu können. Oder zumindest ihren Code zu entdecken, in der Samenhandlung einer fremden Stadt, auf der Überschussliste des Botanischen Gartens, in den Katalogen spezialisierter kleiner Versandgärtnereien, die Stauden für Liebhaber führen.
Sich auf einen Garten einzulassen heisst, die Zukunft in einem Bild vorwegzunehmen, das es als solches nie geben wird, und wenn, ist es eines, das sich ändert, so wie sein Entwurf ein veränderbarer und ständig sich ändernder ist. Dass Pflanzen absterben oder gedeihen, wachsen und welken, sich ausbreiten sowie verkümmern, hält den Garten in Bewegung. Ich folge dem Wechsel mit staunendem Blick, tätigen Händen und den heftigsten Gefühlen. Mit heiss aufschiessender Freude über jeden unverhofften Geniestreich dessen, was ich für den Geist des Gartens halte. Dazu gehören sämtliche seiner glücklichen Findungen. Der puderfarbene Mohn zum Beispiel, der sich, angezogen von ich weiss nicht was, unbedacht in einem Beet niederlässt und bleibt, während die Nachbargärten ihn mit nichts halten konnten, und ich ihn erst als die Pflanze, die mir gefehlt hat, erkenne, als er mir das zart geknitterte Gesicht zukehrt.
Und dieses sich erneuernde Verlangen, das sich nie erschöpft, und dessen gelegentliche Befriedigung es nur noch verstärkt, zugleich vertieft, greift weit ins nächste Jahr, in die nächsten Jahre hinein - manche Pflanzen lassen sich lange Zeit - und gaukelt so eine Zielstrebigkeit vor, wo es noch kein Ziel gibt, nur viele einzelne Wunschvorstellungen. Dazu noch Ungeduld, Ärger und Empörung angesichts der alltäglichen Ausfälle und Zerstörungen, der befürchteten und der unvorgesehenen.
Es gibt tausenderlei Arten von Einwirkung, die eine Erfüllung unmöglich machen. Die Denksportaufgabe in jedem neuen Frühjahr: wie lässt sich verhindern, dass die Knospen der Rosen gefressen werden? Was rettet mich vor Verzweiflung, wenn der Phlox, der demnächst hätte blühen sollen, wie abrasiert im Beet steht, ohne dass auch nur Trittspuren zu erkennen wären?
Das Jahr, in dem die Hasen den Ginster bis auf den Strunk frassen... Das Jahr, in dem der junge Blutahorn von einem Rehbock so gründlich geschält wurde, dass er sich nie mehr davon erholen sollte... fortan ein Kümmerer. Vier Jahre später lasse ich ihn bis zur Wurzel abschneiden, hoffend, er würde als Busch wieder austreiben. Aber er will auch als Busch nicht weiterleben.
Wäre ich ein Insekt, man würde meine Vorliebe für bestimmte Farben als eine trickreiche Veranstaltung der Evolution erkennen. So gerate ich bloss in den Verdacht, dem Spektrum zwischen Azur und Magenta zu verfallen. Ich liebe kandierte Farben, nicht ihrer Süsse wegen, sondern weil sie diese Beimischung von Weiss haben, die alles Grelle mildert - Rahm in einer Erdbeersauce.
Kein Zinnober, kein Scharlachrot und so gut wie kein Gelb.
Es ist Mitte September, aber noch ist das Rosa nicht ausgegangen. Das tiefdunkle des Oleanders, das über die blassorangen Beeren des Feuerdorns zur Bonbonfarbe der Fuchsien schwenkt. So waren seinerzeit die kissenförmigen Seidenzuckerln getönt. Ein kühner Dreiklang, der von unterschiedlichem Grün am Verschmelzen gehindert wird.
Daneben ein rankes Hochstammröschen "The Fairy", die Elfe, das sich noch einmal produziert. Winzige Pompons in einem ausgewaschenen Hellrosa, das mit beinah demselben Ton - nur grösserflächig - als Bonica-Rose im Beet fortblüht, während das Rosa der hochaufragenden Schildblume, die auch Schlangenkopf heisst, sich nach Lila verflüchtigt.
Von den vier verschiedenfarbenen Phloxen ist der rosafarbene, der sein Weiss unverhohlen aus der Kehle hervorleuchten lässt, der kräftigste und längste Blüher. Nur wer ihm sehr nahe kommt, kann sein Überblühtsein erkennen. Im üblichen Abstand hält er die Form, während seine karminroten, violetten und weissen Brüder es längst aufgegeben haben, zumindest für dieses Jahr.
Aus den Fugen der Terrassensteine blüht Fingerkraut, altrosa, mit schwarzen Staubgefässen auf einem ockerfarbenen Venushügel und der Andeutung von tiefem Rot ringsum. Es sieht von weitem wie kaffeebrauner Grund aus, erstaunlich. Am Ende des Beets ein violetter Sommerflieder, um den noch immer Wolken von Schmetterlingen ziehen. Es gibt keine rosafarbenen Schmetterlinge - oder?
An der Hauswand gegenüber arbeitet eine eben erst verpflanzte Kletterrose an ihrer letzten, überaus nach Äpfeln duftenden Blüte und versucht, über ihren heimlichen Hummer-Ton hinwegzutäuschen. Mit Geschick. Also sprechen wir lieber von ihrem verdeckten Aprikosen-Schimmer.
Von der Fensterbank daneben hängen Stiefmütterchen, deren Rosa in Beige und Purpur verkommt, wohingegen sich darunter ein Topf mit Klee in samtenes Tiefgrundrosa bescheidet, und auch das nur, wenn die Sonne scheint, ansonsten macht er gar nicht auf.
Wie hältst du das nur aus, nämlich im Kopf? höre ich mich selber fragen. Das ist nichts gegen das, was schon war. Die ochsenblutfarbenen Malven, die weinrot geäderten Storchenschnäbel, die Königslilien in Weiss und Braunrosa, und all das Blau. Die Iris-Dome mit ihren andersfärbigen Hängeblättern, hohe salbeiblaue Geranien, Glockenblumen der behaarten Art und Kugeldisteln, während jetzt nur mehr der Lein mit himmelfarbenen Strahlsternen durch die Luft zittert, ausschliesslich bei vollem Licht. Bloss die lilafarbenen Halbastern sind noch nicht soweit.
In einem runden Beet kommt ein Terrakottarosa auf, das sich - voll erblüht - noch einmal zu passierten Himbeeren aufhellt, bis es später, nach dem ersten Frost, zur Gänze verbräunt. Jetzt ist es letzte Bienenlust, dieses hohe Sedum, mit dem bourgeoisen Namen "Herbstfreude", das sich um einen verblühten zungenfarbenen Lavendel im Kreis schart, dessen schlappnadelige Blätter sich im Gegensatz zu den nilgrünen der Fetthenne in einem sonnentrockenen Grauton ergehen.
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