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Silke Müller

Untergeschobene Wortspenden

von Jürgen Lüpke erfunden und zusammengestellt ///
Der Diskurs zum Musiktheater war leider keiner. Gefinkelter Marketingsprech auf der einen Seite, primitives Kunstbashing auf der anderen Seite. Dazwischen die OÖN im blinden Propagandataumel. Es hätte aber auch anders laufen können. Viele Statements wurden aus Feigheit nicht abgegeben. Andere, weil sie nicht in die Jubelpropaganda passten. Hier ein Sammelsurium an Fakten, Bekenntnissen und Zitaten, über die wir uns wirklich gefreut hätten, die aber so nie passiert sind. Lediglich die genannten Zahlen sind real.

Wortmonster
Die jährlichen Betriebskostenzuschüsse für das Theater betragen derzeit 40 Millionen Euro. Diese Summe ist laut unserer Vereinbarung mit dem Theater der „Ausgangszuschussbetrag“, also die Basis für weitere Subventionen. Ich sage, liebe Oberösterreicher und Oberösterreicherinnen: Das gönnen wir uns!
OÖ Kulturreferent Josef Pühringer in seiner Budgetrede in der Landtagssitzung vom 5.12.2012

Zahlen und Relationen
Die Errichtungskosten für das Musiktheater betrugen insgesamt 180 Millionen. Gewaltige 150 Millionen davon hat das Land OÖ übernommen. Dazu mindestens 40 Millionen für den jährlichen Betrieb! Das Gesamtbudget für zeitgenössische und initiative Kunst- und Kulturarbeit des Landes OÖ beträgt im Jahr 2013 hingegen nur lächerliche 2,6 Millionen Euro. Natürlich tut das weh!
Hofrat Josef Ecker von der OÖ Landeskulturdirektion, Institut für Kunst und Volkskultur, im Interview mit dem KAPUzine #1/2013

Leider geil
Jetzt könnte man natürlich neidig werden und schmollen. Das macht etwa die FPÖ: soviel Geld, unsere Leut‘, narrische Künstler, blablabla. Man sollte besser folgendes sagen: Ka Schas – wir erfreuen uns aufrichtig am Be-kenntnis zu Kunst. Der Finanzierungsvertrag des Musiktheaters ist ein best practice – Beispiel für langfristige Planungssicherheit für Kulturschaffende. Das kann aber nur der Anfang sein – wir wollen solche Verträge für alle! Ausgangszuschussbeträge für KAPU, STWST und bb15! Dauerverträge für FRO, servus.at und maiz!
Intendant Rainer Mennicken in der FROzine vom 10.12.2012

BBB
Biennales Bittstellen, Bürger! Planungssicherheit nur für die Großen! In Linz wurden soeben die 3-Jahres-Fördervereinbarungen für Freie-Szene-Institutionen auf 2-Jahres-Zyklen eingedampft. Das Land OÖ hingegen zeigt, dass es auch umgekehrt geht: dort kann der Fördergeber aus seinem Deal mit dem Musiktheater nur mit 3-jähriger Kündigungsfrist aussteigen.
Kulturredakteur Peter Grubmüller im Leitartikel der OÖ Nachrichten vom 18.4.2013

Individualmotorisierung…
300 Parkplätze stehen in der Tiefgarage des Musiktheaters bereit. Der einzige Radlständer, den sich die TheaterbesucherInnen noch dazu mit den Volksgarten-UserInnen teilen müssen, bietet nur Platz für lediglich 20 Fahrräder! So kann ich nicht arbeiten!
aus der Rücktrittserklärung von DI Rainer Doppelmair, eh. Radfahrbeauftragter von Linz, 25.4.2013

…und ihre Opfer
Die autobahnartige Strasse, die sich um das Musiktheater windet, bringt es an der Kreuzung zur Wienerstrasse auf 7 Fahrzeugspuren! Haben Sie schon einmal versucht, eine siebenspurige Fahrbahn zu Fuss mit einem Kleinkind zu überqueren? Oder gar mit einem Rollator?
empörte Presseaussendung von Gerda Lenger, Grüne Linz, vom 4.5.2012

Kulturarbeit ist Arbeit
Das Musiktheater bietet laut Medien bis zu 700 Menschen Arbeit. Radio FRO kann sich immerhin 9 MitarbeiterInnen leisten. Aber auch nur, weil es keine Gewerkschaft gibt und niemand die Stunden zählt.
Markus Schennach, Obmann des Verbands Freier Radios Österreichs, in der „Linzer Torte“ im Radio OÖ vom 7.4.2013

Hochkultur
Hochkultur gibt es eigentlich nur als Kampfbegriff. Angeblich die höchste Inszenierung der höchsten Künste – im Sinne von historischer, künstlerischer, ästhetischer, bildungsbezogener Kontextualität, Aufladung und Umsetzung. Aber, wie ich als Hobby-Soziologin anfügen möchte: Hochkultur ist auch nur eine Subkultur.
Claudia Schmied, SPÖ-Kulturministerin, im Interview mit der KUPFzeitung #2/2011

Versorgt
Der alte Vorwurf, den ich oft bei meiner Parteijugend höre, ist natürlich: Hochkultur ist nicht die „beste“ Kunst, sondern die Distinktionskunst der Upper Class. Der alte Einwand von links außen, den ich an dieser Stelle in Form eines Zitats vorbringen möchte: „Klassenkampf hieß einmal, […] der Bourgeoisie neben ihren materiellen auch ihre künstlerischen Schätze zu entreißen.“ Das steht schon in der Versorgerin, darüber sollten die alle auch einmal nachdenken!
SPÖ-Kultursprecherin Julia Röper-Kelmayr in der Podiumsdiskussion zum „Kulturinfarkt“ in der OÖ Landesbibliothek am 13.6.2012

Klitschko
1,2 Millionen hat uns diese Kunst am Bau gekostet! Und wissen sie was: kein einziger Cent ging an Frauen! Angesichts dieser unzumutbaren Männerwirtschaft rund um das neue Musiktheater – insbesondere auf der Führungsebene – und jetzt auch noch dieser komischen Kunst-am-Bau-Sache, sage ich, liebe Volksgenossinnen: Verarschen können wir uns selber! Aus basta! Schluss mit dieser grauslichen Männerbündelei! Wir stimmen dagegen!
Ute Klitsch, Kultursprecherin der FPÖ Linz, bei der Parteiklausur der FPOÖ, Arbeitskreis Frau & Familie, 30.9.2012

Feudale Ausrutscher
Die Bourgeoisie feierte am 12. April die Eröffnung mit mehrgängigem Festbuffet und Sprudel. Der Mob konnte im Beserlpark vorm Musiktheater bei Leberkassemmerl und Becherbier à 1 Euro via Public-Viewing-Walls adabei sein.
Heute vom 13.4.2012

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Jürgen Lüpke ist multipler Kunst- & Kulturagent.

 

Zuletzt geändert am 23.05.13, 00:00 Uhr

Verfasst von Silke Müller

Ein Duett aus Radiofeature-Produktion und Illustrationsausstellung hat mein Kommunikationsdesign und Medienstudium abgeschlossen. Seit dem beschäftige ich mich mit der großen, künstlerischen Radioform "Feature", mit Reportagen und Interviews mit KünstlerInnen und Kulturschaffenden.

Ich bin freischaftende Illustratorin für Plakate - zum Beispiel für Radio FRO - Zeitungen, Magazine, Bücher und Ausstellungen. Radiohören geht beim Zeichnen wunderbar.

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